Eine Übung aus dem Erleben im Social Presencing Theater, eine Methode aus der Theorie U, die das Spüren des gegenwärtigen Momentes gemeinsam mit der Gruppe probiert.
Der „Stuck“ – hier geht es nicht weiter, es ist wie ein Stopp, ein Verharren, ein Festgefahrensein in meinem Leben – da stockt etwas. Ich wähle einen Bereich meines Lebens, in dem ich gerade so ein Stocken erlebe. Das Thema muss nicht öffentlich gemacht werden. Den ersten Schritt der Übung erprobe ich allein. Wir sind – wie bei allen Übungen – eingeladen, den Körper in das Bewusstsein zu nehmen und die Wahrnehmung auf den Körper zu richten. Von dort entsteht eine Position, wie sich der „Stuck“ im Körper gerade zeigt. Ich gehe in einen Focusing-Prozess: Wie fühlt sich das von mir ausgewählte Thema gerade an? Wir sind in der Übung eingeladen, den „Stuck“ in eine Körperskulptur zu bringen. Ich beginne von der Körperstelle aus, mich ein wenig zu bewegen, um zu proben, wie genau sich das Festgefahrene ausdrücken lässt. Ich überlasse das „Genauern“ dem Körper, das heißt ich probiere so lange Positionen, Gesten, Körperhaltungen, bis sich das „in mir“ richtig ausgedrückt/symbolisiert fühlt. Dabei zeigt der Körper die Position, ich finde sie und spüre nach: Ah, so ist es, in diesem Festgeklebten zu sein.
Im zweiten Schritt kommt die Gruppe ins Spiel. Wir bilden einen offenen Kreis, d.h. eine Stelle lässt ein bisschen mehr Platz. Dort beginnt die erste, ihre Stuck-Körperskulptur zu zeigen. Sie verweilt in dieser Position (es sei denn, sie ist körperlich zu anstrengend, dann kann sie sich auch nach einer Zeit wieder lösen). Die anderen im Kreis beschreiben, was sie sehen. Dabei ist es wichtig, Beschreibung von Interpretation zu trennen. Wie genau sieht die Körperhaltung aus? Wie stehen die Beine? In welcher Position ist der Torso? Was machen die Arme? Wohin geht der Blick usw. Es wird das gesagt, was augenfällig ist, was der Gruppe – je nach Perspektive auf die Person – ins Auge fällt, auffällig ist: Ich sehe … Der zweite Teil dieser Runde ist, zu sagen, welches Gefühl die Skulptur in der Gruppe auslöst: Ich fühle … Die Person, die die Skulptur bildet, hört sich die Beschreibungen und Gefühle an.
Wenn alle ihre „Stuck-Skulptur“ gezeigt haben, kommt der nächste Schritt. Jede kommt wieder zu sich. Nun heißt es, dem Körper selbst die Auflösung aus dem Erstarrten, Festgeklebten zu überlassen. Nicht der Kopf liefert hier die Lösung, sondern der Körper weiß die Antwort. In dem zuvor von der Gruppe Gehörten, schwingen vielleicht schon Impulse mit. Ich stelle mich also wieder in die „Stuck-Skulptur“. Dann nehme ich meine Aufmerksamkeit nach Innen, beginne einen Focusing-Prozess. Die erste Bewegung ist sofort da, sie wurde angestoßen von etwas, was ich gehört habe, und sich in einen Impuls des Körpers umsetzt. Ah! Von dort aus geht es weiter, der Körper führt die Bewegung. Ich überlasse mich. Ich lasse mich überraschen, wie der Körper die Bewegung abschließt: In welcher Haltung befinde ich mich? Passt das so schon? Fehlt noch eine Bewegung? Ich nehme mir Zeit, es zu genauern und verweile dann in der neuen Skulptur.
Wieder in dem Kreis zeigen wir uns die Bewegung von der Stuck-Skulptur hin zu der neuen Skulptur, die der Körper uns gezeigt hat. Vielleicht ist der Prozess jetzt sogar ein bisschen anders als allein. Die Gruppe trägt den Prozess mit. Wieder gibt es Resonanz mit „Ich sehe …“, was auch die Beschreibung der Bewegung einschließt, und „Ich fühle …“. In mir bleiben die Worte hängen, die zu meinem Felt Sense passen. Innen und Außen sind eins.
In dieser Übung wird die Gruppe in meinen Focusing-Prozess hineingenommen. Ich bin in meinem Prozess und öffne ihn hin zur Gruppe. Und gleichzeitig ist mein Prozess schon anders, weil er in der Gruppe stattfindet. Wir sind die Situation. Und aus der gegenseitigen Resonanz entstehen Impulse, die meinen Prozess wieder vorantragen. Anderes, was nicht passt, lasse ich wieder los – wie im Focusing-Begleitprozess auch. Ich werde nicht gedrängt, nichts wird erzwungen. Ich habe Zeit, mich meinem Körper und der Gruppe anzuvertrauen. Ich kann mich dem Körper überlassen, der die Lösung schon kennt. So kann sich von dort das Lösen in meinem Handeln, meinem Denken, meinen Entscheidungen fortsetzen.
Wird diese Übung für kollektive Fragen und Probleme angewandt, kann ich mir vorstellen, dass dann gemeinsame Lösungsbewegungen stattfinden. Wir tragen mit unseren Körpern die Situation fort und es entsteht etwas Neues. Wir sind mehr als nur Individuen. In dem gemeinsamen Geschehen zeigt sich die Energie und die Weisheit des geteilten Menschseins. So können wir gemeinsam die Welt verändern.
Foto von Ahmad Odeh auf Unsplash
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Hallo Christine!
Das hört sich spannend an.
Ich sehe vor mir verschiedene Körper-Skulpturen.
Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
Silvia aus Horn-Bad Meinberg
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Liebe Silvia, ja, es war sehr spannend. Liebe Grüße ins Wochenende!
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