Schwelle

Es geht da weiter, wo es leicht ist.

Diesem Satz zu vertrauen, ist gar nicht so leicht für mich. Vielleicht habe ich viel zu oft erlebt, dass etwas erkämpft werden muss, dass hartnäckiges Insistieren zum Ziel führt. Manchmal löst genau das auf der anderen Seite Widerstand aus. Mir fällt es schwer, zu akzeptieren, dass Türen sich schließen oder sich eben nicht öffnen. Ich rüttle daran, klopfe, zerre, stampfe… – und auf der anderen Seite bleibt es stumm. Gestoppte Prozesse.

Und dann zu erleben, dass daneben – oder ganz woanders – eine geöffnete Tür ist, eine einladende Geste, ein Willkommen-Heißen – das ist überraschend! Jetzt ist es an mir, Ja zu sagen, die Schwelle zu überschreiten, dem Willkommen Glauben zu schenken. Dem zu widerstehen, misstrauisch zu sein und zu zweifeln, ob sich hinter der Tür doch ein Hindernis oder eine Falle versteckt.

Erwartungen loslassen. Auf Neues warten. Durchschreiten. Über die Schwelle gehen. Neuland betreten. Mich überraschen lassen. Mich öffnen.

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Furchtlos

Rau weht der Wind. Dunkel schließt die Nacht das letzte Licht ein. Von Ferne ist das Rauschen der Wellen zu hören. Gischt prallt gegen die Steilwand und versandet. Wer hier schutzlos steht, wendet sich ab und kehrt zu seinesgleichen in das warme Haus zurück. Hier hat er nichts verloren, denn hier ist alles verloren. Das Ende der Welt. Das Ende der Hoffnungen. Abgrund. Mit Spott und Verachtung wenden sie sich ab und folgen ihrem Glück. Suchen das ihre und das Weite. Das hier braucht kein Mensch. Kälte, Abschaum, Verzweiflung, Gewalt und Schreie. Nein, hier haben sie nichts verloren. Das Glück schon gar nicht. Es ist woanders zu finden. Dort, wo alles glatt und glänzend scheint. Zwar hart erkauft, zugegeben. Aber das merken sie nicht.

Näher dran sind nur die Ausgestoßenen. Die Verachteten. Die Randfiguren der Geschichte. Sie kennen sich aus im Dunkeln. Finstere Geschäfte sind ihr Alltag. Schwarz wie die Nacht ist das Herz. Und das weiß jeder. Sie kennen die Verachtung und Gleichgültigkeit, die von den vermeintlich Perfekten zu ihnen herüberschwappt. Es lässt sie kalt. Zu geschunden ist das Herz, ein dicker Panzer lässt alles abprallen. Sie haben sich arrangiert mit der Kälte, der Dunkelheit, dem Hass und der Verzweiflung.

Sie, die da draußen zu Hause sind, wenden den Blick nach oben. War da nicht was? Was war anders als sonst? Der Mut der Verzweiflung lässt sie aufhorchen und aufsehen. Sie haben nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Sie folgen ihrem Herzen. Die Hütte taucht vor ihnen auf. Sie kennen sie. Dieser ebenso verachtete Ort ist ein Raum der Ausgestoßenen, der Heimatlosen und Gekränkten. Diese Hütte umwebt heute etwas Magisches. Sie spüren: Etwas ist anders! Sie fühlen sich angezogen wie von einem Magneten. Sie wissen tief in ihrem Inneren: Hierin liegt die Wahrheit. Sie schleichen um den notdürftigen Bretterverschlag herum. Sie streichen mit den Händen über das rohe Holz. Die Tiere sind auch dabei, ihr Atem bläst neblige Wolken in die Nacht. Ihre Körper beben. Sie wagen nicht zu sprechen, nicht mal zu flüstern. Schweigend umkreisen sie die Hütte bis zur Tür. Wagen sie es?

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Gleichmut

Heute Morgen fiel mir zur Reihe der Mut-Worte noch Gleichmut ein. Ich schrieb das Wort in mein Morgenseiten-Heft. Dann setzte ich mich zum Meditieren auf meine Gebetsbank.

Zum Meditieren gehört seit Sonntag ein Text, den ich bereits im Frühjahr bei den Eremos(=Wüsten)-Wochen, einem Online-Retreat, bei barfuß + wild kennen gelernt habe. Es gibt wohl verschiedene Übersetzungen dieses Welcome-Prayers von Thomas Keating:

Willkommen, willkommen, willkommen, willkommen!
Ich heiße alles willkommen, was heute zu mir kommt,
weil ich weiß, dass es meiner Heilung dient.

Ich heiße alle Gedanken, Gefühle, Emotionen,
alle Menschen, Situationen und Ereignisse willkommen.

Ich lasse meinen Drang nach Macht und Kontrolle los.
Ich lasse meinen Drang nach Beifall, Wertschätzung,
Bestätigung und Vergnügen los.
Ich lasse meinen Drang nach Überleben und Sicherheit los.
Ich lasse meinen Drang los, irgendeine Situation, Bedingung,
andere Menschen oder mich selbst ändern zu wollen.

Ich öffne mich für Gottes Liebe und Gegenwart
und für Gottes Handeln in mir.

Amen

nach Mary Mrozowski

Zuerst sträubte sich einiges in mir, dieses Gebet zu sprechen. Schließlich nahm ich eine Focusing-Haltung ein und ließ die Worte in meinen Körper hineinfallen und wartete auf die Resonanz, auf den Felt Sense.
So geschah es:

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RaumEntfaltung

Ich träume von einem Raum,
in dem ich atmen und mich entfalten kann,
ein sicherer Raum (safe space), in dem ich nicht angegriffen werde,
sondern noch unfertige Gedanken ungeschützt äußern kann.

Ich träume von einem Raum,
der, wenn er an Grenzen stößt, sich öffnen kann für das, was andere haben oder tun,
und ich mich nicht bedroht abschotten muss.

Ich träume von einem Raum,
in dem auch die Verletzlichkeit ihren Platz hat,
ich sie nicht verbergen muss, sondern sie wie ein Türöffner wirkt,
so dass auch andere diesen Raum in sich öffnen können.

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unerträglich

Das Kreuz

Ich möchte schreien,
es ist nicht auszuhalten und nicht mitanzusehen.
Auch damals liefen alle Freunde davon.

Manche sagen, das hat nichts mit mir zu tun,
was geht mich das an.
Auch damals wusch einer seine Hände in Unschuld.

Manche haben nur Spott und Hohn dafür übrig.
Auch damals verachteten und verschmähten ihn
die Häscher und sogar die mit ihm Verurteilten.

Manche haben Spaß daran
und schlagen noch Profit daraus.
Auch damals warfen sie die Würfel
um das letzte Stück Stoff.

Ich bleibe hilflos zurück,
stehe da, kann nichts machen.
Auch damals verharrten Frauen am Fuße des Kreuzes
und mussten seinen Tod erleiden.

Das Kreuz
eine Torheit
unverständliche Gewalt
niederschmetterndes Ende des erhofften Helden
Dunkelheit und Schmerz
Es lässt sich nicht schönreden

Was hat das mit mir zu tun?
Mit meinem Schmerz
mit meiner Wut
mit meiner Feigheit
mit meiner Hoffnungslosigkeit
mit meinem Sterben?

Jesus hing mit mir am Kreuz.

Das ändert alles.

Dort hängt auch
mein Schmerz
mein Hass
meine Verzweiflung
meine Mutlosigkeit
mein Verlassensein

Jesus nimmt das alles mit in den Tod.
Und verwandelt es.


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Gott träumt mich

Der Text von Dorothee Sölle hat mich angeregt, mir vorzustellen, wie Gott mich träumt.

Du hast mich geträumt mein Gott,
wie ich den aufrechten Gang übe
und niederknien lerne
schöner als ich jetzt bin
glücklicher als ich mich traue
freier als bei uns erlaubt.

Hör nicht auf, mich zu träumen, Gott,
ich will nicht aufhören mich zu erinnern
dass ich dein Baum bin
gepflanzt an den Wasserbächen des Lebens.

Dorothee Sölle

Du träumtest mich nicht
mit Blumen im Haar,
aber mit Worten, die in meinem Herzen blühen.

Du träumtest mich nicht
mit gradlinigen Wegen,
aber mit den Entdeckungen an den Rändern der Lebensumwege.

Du träumtest mich nicht
mit überfordernden Aufgaben,
die ich nicht schaffe abzuarbeiten,
aber mit Leichtigkeit und Begeisterung in meinem Herzenstun.

Du träumtest mich nicht
mit der schweren Last eines Schutzpanzers auf meinen Schultern,
aber mit der Weichheit eines gelösten Gesichts.

Du träumst mich
mit Diamanten auf dem tiefsten Grund meiner Verletzlichkeit.

Du träumst mich
immer noch als das fröhliche Kind,
das nicht aufhört zu tanzen.

Du träumst mich
mit einem strahlenden Gesicht
und einer einfühlsamen Traurigkeit.

Du träumst mich
mit der Kraft und Stärke,
von der ich fürchte, dass andere sich davor fürchten.

Du träumst mich
mit dem Band,
das mich mit der göttlichen Ewigkeit
und mit anderen verbindet.

Du träumst mich
mit dem Riss in der Seele,
durch den dein Licht leuchtet
und meins für andere.

Du träumst mich
mit den heilenden Händen,
mit denen ich deinen Segen weitergebe.

Du träumst mich
mit den Funken der göttlichen Liebe,
die in meinen Augen aufblitzen.

Du träumst mich
mit dem Mut zu vertrauen
trotz und in allem.

Am Ende
der Suche
und der Frage
nach Gott
steht
keine Antwort
sondern

eine Umarmung

Dorothee Sölle

Photo by Javardh on Unsplash

Komm

Dies ist für alle Kinder, auch die inneren, wenn sie sich verloren, traurig, beschämt, verletzt und einsam fühlen.

Komm und berge dich

Komm an meine Hand
ich begleite dich.

Komm in meine Arme
ich halte dich.

Komm an meine Brust
ich nähre und wärme dich.

Komm auf meinen Schoß
bei mir bist du sicher.

Komm lehn dich an
ich streichle dich.

Komm und weine
ich tröste dich.

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Poetry beauty

Der Tag ist noch so jung und
ich fühl mich schon so alt.
In meinem Herzen wird es kalt,
so schaudert mich vor diesem Tag.

Der Blick aus dem Fenster wird starr,
bleibt hängen an den kahlen Bäumen.
Was wir alles versäumen
in diesen Tagen, die so leer sind wie sie.

Viel zu viel ist offen,
viel zu viel ist ungewiss und ungeklärt.
Es ist so wie es ist, fährt
es mir durch die Glieder und ich schweige still.

Zur Unbeweglichkeit verdammt
friste ich mein Dasein diese Tage,
warte Stunde um Stunde und die Frage
drängt sich auf, wann das endet.

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Ausrichten

Zitternd schlägt die Kompassnadel aus
Orientierungslos
Zerrissen zwischen den Polen
Hin und her schwankend
Die Ausrichtung fehlt
Bin ich außerhalb des Magnetfeldes geraten?
Muss ich mich aus eigener Kraftanstrengung neu justieren?
Wie komme ich zurück in das Energiefeld?

Mich ausrichten _ _ _ _ . . . _ _ _ _
mich hinhalten
mich loslassen
mich fallen lassen
Erden
Sammlung
Stille

Keine äußeren Vorschriften
Die Nadel muss sich frei bewegen dürfen
Kein Ankleben, kein Anheften

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gesehen

diese Sehnsucht spricht aus jedem Blick
bedürftige Augen
ungestillter Hunger nach Liebe, Aufmerksamkeit und Wertschätzung
Gib mir mehr davon!
sagen sie.
HIER bin ich!
rufen sie.
Sieh mich doch an!

Wie fühlt es sich an
bis auf den Grund
gesehen
zu werden?

Tief hinein
fällt der Blick der Liebe.
Zuerst ein Erzittern und Erschaudern.
Ein Hauch Misstrauen und Angst.

Der Blick bleibt beständig
wendet sich nicht ab
auch wenn dabei alles zu Tage kommt:
aller Zerbruch
alle Scherben
alle Wunden
alle Schmerzen
alle Schreie
alle Hilflosigkeit
alles Ausgeliefertsein
alles Kämpfen

Keine Scham
Kein Weglaufen
Kein Schutz
mehr nötig.

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