ZuMUTung

Das ist doch eine Zumutung! Jetzt soll ich die Sprache verhunzen durch dieses Gendern! Was soll das denn? Das brauchten wir bisher doch auch nicht. Und wie sieht das auch aus? Und noch schlimmer: Wie hört sich das denn an! So spricht doch keiner!

Solche Reaktionen auf die Verwendung von geschlechtersensibler Sprache wie z.B. das Gender-Sternchen (Moderator*innen) oder das Sprechen mit dem „Gender-Gap“ (z.B. Leser:innen) sind immer wieder zu lesen und zu hören. Was lässt Menschen sich so dagegen ereifern? Wogegen kämpfen sie? Wieso wird die sprachliche Sichtbarmachung von Frauen bzw. Menschen verschiedener Geschlechter als Zumutung empfunden?

Szenenwechsel.

„Woher kommst du?“ werden Schwarze* Menschen und People of Color* (PoC) häufig gefragt. Wenn die Antwort dann „Düsseldorf“, „Herford“ oder „Berlin“ lautet, dann reicht sie nicht aus. Es wird nachgebohrt: „Ja, ja, aber ich meine so wirklich?“ Diese Frage deckt etwas auf, was Menschen nicht-weißer Hautfarbe auf ein äußeres Merkmal von Nicht-Zugehörigkeit reduziert. Der Gedanke: Du kommst nicht von hier, bist niemand von uns, da du anders aussiehst, offenbart, dass es ein „wir“ und ein „ihr“ gibt. Und wer so fragt, gehört zu den „Normalen“. Auch ich habe schon so gefragt. Eine Frau aus meiner Verwandtschaft z.B., die als Freundin neu in unseren Kreis dazu gekommen ist. Als ich die Wirkung dieser – häufig unbedarften und durchaus interessierten – Frage las, fühlte ich mich beschämt. Eine typische Reaktion, wenn struktureller Rassismus entdeckt und angesprochen wird. Schon schließt sich die Frage an: Darf ich als Mensch weißer Hautfarbe darüber überhaupt schreiben? Dahinter gibt es einen Diskurs, den ich gerade erst kennenlerne. Mich als rassistisch bezeichnen zu lassen, empfinde ich auch als Zumutung. Es ist ein längerer Weg, den alltäglichen und strukturellen Rassismus zu bemerken, aufzudecken und schließlich auch zu benennen. Dafür brauche ich Menschen, die mich darauf aufmerksam machen, die mir sagen, wie sie durch meine Worte getroffen sind, die mir helfen, die subtilen und selbstverständlichen Zuschreibungen zu entlarven und gemeinsam an einer Sprache zu arbeiten, die öffnend, integrierend und vielfältig ist.

Zurück zum Gendern. Indem ich als Frau darauf aufmerksam mache, dass ich durch Sprache häufig unsichtbar gemacht werde, löse ich auch in anderen Widerstand, Abwehr, Leugnung, vielleicht Beschämung aus. Ich werde mit meinem Recht auf Sichtbarsein als Zumutung empfunden. Dabei möchte ich niemanden beschämen, bloßstellen oder bekämpfen. Gleichzeitig halte ich die Verwendung von Sprache nicht für beliebig. Natürlich gibt es keine Zensur, jeder und jede darf in unserer freiheitlichen Demokratie alles sagen. Das ist auch gut so. Wie öffne ich den Dialog, ohne dass die oben genannten Reaktionen eintreten? Ohne dass es um einen Streit um sprachliche Ästhetik geht? Wie kann ich einerseits zuhören und mir andererseits Gehör verschaffen für meine Perspektive? Wie gelingt ein Perspektivwechsel, wie ich ihn oben in Bezug auf Rassismus beschrieben habe? Wie gewinne ich Menschen dafür, sich auch in meine Position zu versetzen?

Ich möchte auf etwas aufmerksam machen, was sonst ungesagt und ungehört geblieben wäre. Etwas, was lange braucht, um in das kollektive Bewusstsein zu gelangen. Das braucht einerseits Sachwissen, Aufklärung, Information. Die gibt es schon sehr zahlreich. Wie es in der Wissenschaft so ist, werden in Studien und Theorien verschiedene Positionen vertreten. Da gibt es die linguistische Perspektive, die Sexus und Gender unterscheidet und sprachlich für generisches Maskulinum argumentiert. Und da gibt es die soziologisch-kommunikationswissenschaftliche Argumentation, z.B. von der Journalistin Camille Haldner, dass durch Sprache Bilder in den Köpfen entstehen und diese geprägt sind von den Vorerfahrungen. Diese Studien zeigen, dass Frauen (und Menschen diverser Geschlechter) nicht „mitgedacht“ werden, wenn allein männliche Personen- und Berufsbezeichnungen verwendet werden (ganz schön in diesem kleinen Experiment für Grundschulkinder). Und im Übrigen geht es nicht nur um Ästhetik in der Sprache, sondern um Kommunikation, wie ein Beitrag des Linguisten Anatol Stefanowitsch zeigt.

Neben dem Sachwissen, das den informierten Lesenden zur Verfügung steht, finde ich mich andererseits in den alltäglichen, beruflichen, öffentlichen Kommunikationssituationen. Ich erlebe häufig, dass in gemischten Gruppen das Geschlecht im Miteinanderreden keine Rolle spielt, wo alle von einem sachlichen, humorvollen, verständlichen oder auch persönlichen Umgang miteinander profitieren. Zu spüren ist die Differenz für mich in Situationen, die in die eine oder andere Richtung unausgewogen ist: Ich spüre körperlich Entspannung und Erleichterung in einer reinen Frauengruppe. Mir ist völlig bewusst, dass nicht alle Frauen gleich sind und ich wehre mich dagegen, solche Zuschreibungen zu hören. Dennoch ist mir das Kommunikationsverhalten vertraut, ich fühle mich freier zu sprechen, muss mich weniger erklären – obwohl es auch Missverständnisse, Unverständnis und Unstimmigkeiten gibt. Vielleicht fehlt mir dort so etwas wie „Sprechkontrolle“, mich „Beherrschen“, oder der Zwang die Worte wählen und schnell und präzise auf den Punkt kommen zu müssen. Die andere Extremsituation ist: die einzige sein. Die einzige Frau in einer Männerrunde, in einem Kollegium, in einer Expertenrunde, in einem Gremium. Auf mir lastet Druck, die einzige zu sein, die für alle anderen meines Geschlechts steht, die sich daher besonders zeigen und durchsetzen muss (Token woman). Die anders ist und das möglichst nicht sein sollte, sondern die so sein sollte, wie alle anderen, die mit am Tisch sitzen. Für Frauen gelten in machtvollen Kommunikationssituationen andere Regeln hat die amerikanische Kommunikationsexpertin Veronica Rueckert erforscht. Phänomene wie „Silencing“ habe ich schon in meiner Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni erlebt: Ich sage etwas in unserer Teamsitzung, was kein Gehör findet und klanglos untergeht. Ich frage mich, ob meine Idee, Kritik oder Beobachtung falsch war. Kaum ein paar Minuten später kommt dieselbe Aussage von einem Mann und gewinnt Gewicht im Gespräch. Bei mir stellte sich damals nur Verwunderung ein, weil ich dieses Phänomen noch gar nicht benennen konnte.

Für mich stellt sich die spannungsreiche Frage: Wie kann ich einfach ich selbst sein und Gehör bekommen? Wie kann ich die Anpassungsprozesse, die mir aufgenötigt werden in einem männerdominierten Gebiet, unterlaufen, die Regeln durchbrechen und zu meinem Recht kommen? Wie wäre es, einfach ich selbst zu sein und nicht mehr kämpfen zu müssen? Ist das noch ein Traum in ferner Zukunft? Beitragen möchte ich zur Aufklärung und dafür teile ich meine Perspektive. Ich mache aufmerksam, z.B. auch auf Sexismus in der Wissenschaft. Am besten mit und an der Seite von Männern und Frauen, die dieses Anliegen teilen und sich Veränderung wünschen und sich aktiv dafür einsetzen.

*Selbstbezeichnungen von Menschen mit nicht weißer Hautfarbe

Photo by Diogo Nunes on Unsplash

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