Jahresrückblick 2024: Es gut sein lassen

Seit ein paar Tagen lese ich meine Tagebücher und Kalender, um auf mein Jahr zurückzublicken. Ich ernte Worte und Sätze, Fotos und Erinnerungen: Mich hingeben an das Leben. Lockern, was nicht mehr hält. Um meiner Selbst willen. Meine Energie da reingeben, wo genau das herauskommt, was mich nährt. Die Gleichzeitigkeit von Verletzlichkeit und Kompetenz. Entwachsen. Meine berufliche Vision: Ich sehe mich in Gruppen, kollegial, leitend, lehrend, vielfältig, moderierend. 2024 habe ich einiges neu angefangen. Meine JAhr-Worte: herzverbunden, Sprungkraft/Absprung und WEG. Jetzt lasse ich es gut sein. Hier die Langfassung:

Zu Kräften kommen

Mein Jahresanfang war von Erschöpfung geprägt. Der Winter ist eh nicht meine Zeit, Dunkelheit und Kälte führen dazu, dass ich mich bewusst aktivieren muss, um genug Energie zu haben. Das war von Januar bis März besonders herausfordernd. In dieser Zeit ist der Gedanke gewachsen, dass ich etwas an meiner beruflichen Situation ändern will. Aber solange ich krank und erschöpft war, wollte ich keine weitreichenden Entscheidungen treffen. Ich habe viele Hilfe- und Unterstützungssysteme aktiviert: Qigong, Osteopathie, Somatic Experience, Supervision, partnerschaftliches Focusing, Spaziergänge und Cafébesuche mit Freundinnen.

Ich werde sterben: Worin liegt die Freiheit im Zerbruch?

Gründonnerstag. Eine meiner Supervisionssitzungen, die ich im 2. Quartal hatte, ließ mich den Geschmack von Endlichkeit spüren. Ich habe symbolisch einen Schritt über eine Schwelle gemacht, fand mich in einem Korridor mit Türen rechts und links wieder, die mich aber nicht gelockt haben. Der Weg führte mich geradewegs auf eine Glastür am Ende des Ganges zu. Beim Blick hinaus spürte ich: Ich werde sterben. Mich schauderte. Beim zweiten Blick durch das Fenster sah ich die ersten Knospen, hörte Vögel singen, roch den Duft von Bärlauch – es ist Frühling! Das Samenkorn fällt in die Erde und stirbt, bevor es neue Frucht bringt. Etwas in mir musste sterben. Es fühlte sich an wie an einem dunklen Ort. Da war noch nichts zu sehen. Ich musste mich von einem Bild von mir verabschieden, damit Platz für Neues entstehen konnte.

Ich werde sterben – und neu erblühen.
Wenn du an einem dunklen Ort bist,
denkst du manchmal, du wurdest begraben.
Vielleicht wurdest du gepflanzt.
Blühe!

Neues und Neuanfänge

Ich beginne langsam zu verstehen, dass es mich immer wieder zu Neuem hinzieht. Mich hat es selbst etwas atemlos gemacht beim Durchsehen meines Kalenders und beim Lesen meiner Tagebücher, wie viel Neues ich 2024 begonnen oder gemacht habe.

  • Ich war zum ersten Mal auf dem Benediktushof, wo ich eine Schreibwerkstatt bei Anna Platsch besucht habe. Danach haben wir eine selbstorganisierte Schreibgruppe gegründet und setzen seitdem das „achtsame Schreiben“ einmal im Monat fort.
  • Nachdem meine NIA-Tanzlehrerin nicht mehr in Bielefeld ist, habe ich einen neuen Tanzkurs gesucht und bin bei Sarahs Biodanza-Kurs gelandet. Am Anfang war ich unsicher und zurückhaltend, weil sich so viele aus der Gruppe schon kannten und so vertraut miteinander waren. Ich wusste nicht so recht, was mich erwartet. Schon nach dem ersten Abend wusste ich: mein Körper will das! Die Mischung aus Tanz miteinander im Kreis, für mich allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen, die Impulse in mich zu gehen oder uns zu begegnen, die Behutsamkeit der Berührung, die Freiheit, mich so zu bewegen, wie es für mich gerade stimmig ist, die Intensität und Intimität der Verbundenheit – eine Wohltat für Körper und Seele. Seit April bin ich nun dabei und setze diesen Neuanfang auf jeden Fall im nächsten Jahr fort.
  • Schon länger habe ich mich dafür interessiert und dieses Jahr hat es geklappt: Ich habe einen LUV-Workshop besucht. Der Kurs verbindet sehr fein Biografisches mit christlichen Themen. Mich hat sehr berührt, wie in kürzester Zeit eine tiefe Gemeinschaft mit der Online-Gruppe entstanden ist. Außerdem glitzert der Kurs mit ästhetischen Elementen: Wunderschönes Material (ein Kursbuch, eine Landkarte, auf der wir unsere Stationen eintragen konnten) und passende Musik.
  • Ich habe das Haus der Stille in Grumbach kennengelernt, wo ich zum ersten Mal gemeinsam mit Angela Hohaus einen Kurs zu Focusing & Spiritualität angeboten habe.
  • Ich lernte im Kompaktkurs an der Theologischen Hochschule Elstal Hebräisch und Griechisch.

Mich mutig zeigen

Ein Highlight 2024 war mein erster Gastbeitrag in einem Podcast! Seit diesem Jahr ungefähr bin ich in der Community „Haltung erweitern“ aktiv. Hier wird auch der Podcast „Ich-Wir-Alle“ gehostet, den ich schon eine Weile verfolgt habe. Schließlich hat mich Maike zu einer Podcastfolge zu Focusing eingeladen, was mich wahnsinnig gefreut hat! Mein Beitrag:

Seit Ende 2022 nehme ich selbst einen Podcast auf. Es gibt bereits 50 Folgen! Wage ich 2025 endlich, ihn zu veröffentlichen? Er wird auch „Der Raum in mir“ heißen.

Mein erstes Mal

Im Juni bin ich das erste Mal Wasserski gefahren! Es war einfach großartig! Der nette junge Mann, der uns eingewiesen hat, gab uns Hinweise: „Ihr müsst in die Hocke gehen, sehr tief, die Schultern über den Knien. Zwei Fehler müsst ihr vermeiden: Nach hinten lehnen und das Seil mit den Armen ranziehen. Alles verstanden? Los geht’s!“ Alles klar, dachte ich an der Startposition, das läuft. Und kaum wurde ich mit der Seilwinde aufs Wasser gezogen, Platsch, lag ich drin: Nach hinten gelehnt und Seil rangezogen. Krass! Wissen heißt ja noch lange nicht Können. Ich brauchte einige Versuche, bis ich mehr als 2 Meter auf den Skiern geblieben bin. Ich habe mir bei jedem Neustart Tipps vom „Trainer“ geholt, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, auf den Skiern zu bleiben. Und tatsächlich: Versuch für Versuch klappte es besser, bis ich schließlich eine ganze Runde um den See geschafft habe!

Ich-Einsichten – tiefe Momente und Erkenntnisse

Auch wenn es von Außen vielleicht so offensichtlich ist, brauchte ich doch ein inneres Ringen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen: Ich bin eine Initiatorin, eine Innovatorin, eine Neuentwicklerin. Mich reizen neue Projekte, etwas, was noch nicht da ist, woran ich (mit)gestalten kann, was in die Zukunft weist. Daher gefällt mir die Theorie U so gut, weil sie die Zukunft in die Gegenwart holen möchte. Das geht über das tiefe Hinspüren zu dem, was werden will. Immer, wenn ich damit im Kontakt bin, spüre ich die Richtung. Oft waren dies schmerzhafte Momente, die mit Loslassen und Einsamkeit zu tun hatten, in denen ich meine Verzweiflung und den Schmerz gespürt habe: Hier geht es nicht mehr weiter, ich werde weiterziehen, der Weg ist noch nicht zu sehen, aber die Richtung zu spüren: hin zum Lebendigen.

Einen besonderen Moment von Resonanz habe ich bei den integralen Entwicklungstagen in Werdenfels erlebt. Hier fühlte ich mich auf so vielfältige Art und Weise gesehen und beantwortet. Meine Neugier und mein wissenschaftliches Interesse wurden durch Vorträge zu tiefen Themen (Deep Incarnation – kosmischer Christus) angeregt, in einem Workshop konnte ich selbst etwas zu „Mit Focusing Christus in mir verkörpern“ anbieten, in Begegnungen habe ich Persönliches aussprechen und verarbeiten können, ich wurde ermutigt und bestärkt, meinen Weg zu gehen. Wir haben getanzt und gesungen, Gottesdienst gefeiert, ich habe den Segen gesprochen. Diese Tage haben etwas in mir geheilt.

Einen Moment von tiefem Schmerz habe ich erlebt, als ich in einer vertrauten und achtsamen Gruppe verletzt wurde. Ich brauchte lange, um diesen Schmerz anzunehmen, ihn zu durchfühlen und zu integrieren. Es war eine Lektion im Willkommenheißen von allem, was meiner Heilung dient.

Staunende Dankbarkeit

Zu meinem Jahr gehören viele Menschen, mit denen ich unterwegs bin, von denen ich lerne, die ich begleite, mit denen mich Freundschaft oder Kollegialität verbindet, mit manchen bin ich schon viele Jahre unterwegs, andere habe ich dieses Jahr kennengelernt. Beim Durchblättern meines Kalenders sind mir all die Communities, Gruppen, Kurse, Initiativen und Gemeinschaften aufgefallen, zu denen ich gehöre und mit denen ich mich regelmäßig treffe: Qigong-Kurs bei Susanne Schmitt, TAE-Gruppe, Improtheater-Team, die Weggefährtinnen und die HaMakom-Initiative zu Focusing & Spiritualität, DFI-Blogteam, Tanz-Raum bei Maria Edert, Prozessmodell-Lesegruppe, Social Presencing Theatre mit Antje Schwarze, Plattform integrales Christsein, die Hoffnungskirche Bielefeld und meine Familie.

An Grenzen stoßen

Es war kein gutes Jahr für meine Devices: Mein Handy ist kaputt gegangen und zwar gleich ganz unrettbar, weil das Display dahin war. Das Neue zeigte von Anfang an Macken und stürzt(e) alle 14 Tage, später in größeren Abständen ab. Mit der Unvollkommenheit leben lernen – oder endlich wegschicken und reparieren lassen? Auch mein Laptop zeigt (nach 10 Jahren!) Alterserscheinungen: Die Tastatur ist kaputt, die Ersatztastatur hat Aussetzer (daher: die fehlenden „P“ bei Wörtern einfach selbstständig ergänzen).

Bei all dem Neuen, was ich mir gerne an Land ziehe, bleiben unvollendete Projekte, lose Enden, offene Ausgänge, vernachlässigte Kontakte, viele ungeschriebene Texte, unbeantwortete Mails, angefangene Artikel, unveröffentlichte Audios … Immer wieder die Frage: Was kann ich lassen? Was sollte ich beenden? Wessen Zeit ist vorbei? Hier wünsche ich mir Klarheit und beherztes Loslassen!

Das habe ich gut gemacht

So lautet eine Rubrik für den Monatsrückblick in „Ein guter Plan“, den ich dieses Jahr als Kalender verwendet habe. Zu jedem Monat finden sich dort einige Stichworte. Am Anfang des Jahres habe ich gut für mich gesorgt, war krank geschrieben, habe mich ausgeruht, meine Morgenrunden gepflegt. Ich habe zwei Vorstellungsgespräche bewältigt, beide in geschwächtem Zustand (eins früher, eins später im Jahr). Das erste hat mir ganz viel Energie gegeben, weil es einen Aufbruch eingeläutet hat, das zweite führte zur neuen Stelle.

Ich liebe meine meditativen Schreibwerkstätten, bei denen ich ganz bei mir und ganz bei den Teilnehmenden bin. Dieses Jahr haben wir zur Jahreslosung „Alles bei euch geschehe in Liebe“ geschrieben, haben uns bei einem „Mittjahrestreffen“ zum JAhr-Wort 2024 erneut justiert und die „Kraft der Verbundenheit“ miteinander erspürt und er-schrieben.

Ein letztes Sommersemester habe ich an der THE gelehrt. Ich durfte ein letztes Mal zwei Studierende während ihres Praktikums begleiten, was ich besonders mag. In zwei Kursen habe ich Pädagogik vermittelt, besonders mag ich Didaktik & Methodik. In der Entwicklungspsychologie habe ich die „achtsame Persönlichkeitsentwicklung“ nach Susanne Cook-Greuter, Peter Widmer und Thomas Binder neu dazu genommen. Zu guter Letzt habe ich noch eine Vorlesung zu „Jüngerschaft als lernende Gemeinschaft“ im Rahmen der Ringvorlesung „Jüngerschaft“ gehalten. Auch wenn meine Zeit an der Hochschule dieses Jahr zu Ende gegangen ist, schaue ich mit Stolz auf das zurück, was ich dort geleistet habe. In den fünf Jahren habe ich als Professorin für Pädagogik mein Fach neu eingerichtet (inklusive der Fachbibliothek), Module entwickelt und in die BA-Studiengänge des Theologiestudiums integriert. Ich habe 6-7 Lehrveranstaltungen konzipiert und diese jeweils in den Sommer- und Wintersemestern gelehrt. Dazu kamen diverse administrative Aufgaben, an denen wir als Hochschulkollegium alle beteiligt waren, und Transferaufgaben, da die Hochschule in kirchlicher Trägerschaft ist. Hierfür habe ich einen neuen freikirchlichen Bund kennengelernt und mich mit Vorträgen, Artikeln und der Leitung von Tagungen eingebracht. Es gäbe noch viel mehr zu sagen, was diese fünf Jahre ausgemacht haben, ich belasse es hierbei.

Den Kurs zur „Achtsamen Persönlichkeitsentwicklung“ habe ich später für die Community „Plattform integrales Christentum“ noch einmal aufbereitet und einer kleinen Runde jeweils mit vertiefenden Übungen nahegebracht.

Ein paar Menschen begleite ich mit Focusing. Erfreulicherweise sind zwei Menschen dieses Jahr neu dazu gekommen.

Seit knapp 10 Jahren engagiere ich mich in der Initiative HaMakom, in der wir über die Verbindung von Focusing & Spiritualität nachdenken, sie erproben und dazu Kurse anbieten. In diesem Jahr habe ich gemeinsam mit Peter Lincoln den Kurs „Wie der Glaube zum Körper findet“ im Kloster Wennigsen angeboten. Ausgebucht!

Im Sommer habe ich wieder auf dem wunderschönen Achberg/Humboldthaus bei den Focusing-Wochen des Focusing Netzwerks einen Einführungskurs in Focusing geleitet, gemeinsam mit Lothar Kammer.

Mein Jahr 2024 in Zahlen

  • Ich habe 366 Tageskalenderseiten plus 286 Tagebuchseiten geschrieben.
  • Ich war ungefähr genau 105 Mal alltäglich einkaufen.
  • Ich habe 22 Bücher gelesen, 8 angefangen
  • 28.944 Minuten Musik und 16.276 Minuten Podcast gehört.
  • 3 Artikel in echten Zeitschriften veröffentlicht (in: Theologisches Gespräch und Praxis Gemeindepädagogik, Christsein Heute)
  • 2 Blogartikel auf der HaMakom-Homepage (Alles oder Neues und Focusing als Entwicklungsbooster)
  • 3 Blogartikel auf dem DFI-Blog (Einen Raum in mir aufsuchen – Freiraum im Focusing, Jetzt kann Neues geschehen und Focusing – Mit dem eigenen Körper im Dialog sein)
  • Ich war auf 7 Konzerten, auf einem Improtheater-Festival, zwei Mal im Theater und bei einem Musiktheater (s. Fotos unten)
  • An 104 Tagen war ich auf Reisen.
  • 146 Morgenrunden bin ich gelaufen! (s. Fotos unten) Wer das alltäglich verfolgen möchte, folge mir auf Instagram.
  • 18 Improtheater-Proben und 2 Auftritte (s. Foto oben)
  • 8 Mal im Gottesdienst Klavier gespielt, 5 Mal den Gottesdienst geleitet
  • 1 Mal Corona gehabt
  • 13 Tage Sommer-Erholungsurlaub

Mein Ausblick auf 2025

Entscheidungen

Ich mag keine Fünfjahrespläne, keine Zielsetzungen und Strategien. Mein Kriterium für Entscheidungen für 2025 wird sein: Trägt es voran?

Auf ein Neues 2025

Ich suche …

Meine Suchanzeige für Zusammenarbeit im Team der Zukunft:
Bildungserfahrene Pädagogin sucht kreatives Team für innovative Transformationsprozesse.
Was werde ich finden?

Für dieses Jahr lasse ich es gut sein.

Dieser Jahresrückblick ist Teil vom Jahresrückblog von Judith Peters.
Fotos: CHenkel


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4 Kommentare zu „Jahresrückblick 2024: Es gut sein lassen

  1. Liebe Christiane,
    vielen Dank, dass du uns in deine viele ersten Male und Neubeginne mitgenommen hast, das liest sich wundervoll. Genauso wie dein gesamter Artikel.
    Die Bilder von deinen Morgenrunden sind besonders schön.
    Wir teilen die Leidenschaft fürs Schreiben, wobei ich die fast verloren hätte. Ich wünsche dir ein wundervolles 2025.
    Lg Chris

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  2. Hallo Christiane, ein atmosphärischen dichter Jahresrückblick. Was für viele Themen Du für Dich gefunden hast – bemerkenswert. Mir hat die Rubrik gelesene Bücher gut gefallen. Die werde ich übernehmen. Gute Idee.

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