Der Raum in mir

„Na, wie gefällt es Dir in Deinem Zimmer?“

fragt mich meine Focusing-Partnerin, als wir uns zur Weiterbildung in Würzburg treffen. Die Kurseinheiten finden im Focusing-Institut statt, die Übernachtung organisieren sich die Teilnehmer selbst. Ich habe nun zum vierten Mal eine andere Unterkunft ausprobiert. Und wieder muss ich ihr sagen: Nein, das ist es auch nicht. Irgendwie fühle ich mich in dem Raum nicht wohl. Ich merke, wie wichtig es mir ist, dass ich mich zu Hause fühle, der äußere Rahmen für mich stimmig ist. Ich kann mittlerweile auch genau benennen, was für mich dazu gehört, bloß leider habe ich diese ideale Unterkunft noch nicht gefunden! Nur der Blick aus dem Fenster bot von einem Tag zum anderen ganz neue Sicht:

Mein Raum. Wie korrespondiert das Äußere mit dem Inneren? Wie fühle ich mich in meinem Körperraum? Wie viel Raum nehme ich ein? Wer ist in meinem Raum?

Bei dieser Focusing-Einheit haben wir uns mit Teilpersonen beschäftigt. Wir haben eine (innere) Wanderung unternommen, um die Teilpersonen zu treffen. Das könnte ungefähr so gewesen sein…

Ich bin auf einer Wanderung. Nach einiger Zeit mache ich Pause in einem Gasthof. Die Terrasse davor zieht mich an, weil es dort Bewegung gibt. Dort tummeln sich allerhand Leute. Auch Menschen, die ich nicht unbedingt erwarten würde. Da ist z.B. ein von oben bis unten Tätowierter. Kahlköpfig. In Jeansklamotten hockt er scheinbar unbeteiligt an einem der Tische mit dem Rücken zum Gasthaus. Die Blicke fallen auf ihn. Er ist nicht zu übersehen, ein lebendiges Kunstwerk. Von sich aus tritt er nicht mit anderen in Kontakt. Ich spreche ihn an, versuche etwas aus ihm herauszubekommen. Gesprächig ist er nicht gerade. Ihm recht es unkonventionell zu sein. Ich suche mir einen anderen Gesprächspartner.

Da steht am Rand ein alter Herr, ein einfacher griechischer oder spanischer Mann in kariertem Hemd, Stoffhose, in der linken Hand wandert der Rosenkranz von Finger zu Finger. Er wirkt auf der Terrasse ein wenig deplatziert. Er passt besser in eine Bar an der Strandpromenade oder in der kleinen Altstadt eines Ortes mit weißen Häusern und blauem Himmel darüber. Dort sucht er den Schatten – wer läuft schon in der Mittagshitze draußen herum? Kommt jemand vorbei, den er kennt, grüßt er, fängt an zu plaudern: Was macht die Familie? Wie geht es den Kindern? Ist die Ernte schon eingeholt? Was verspricht der Sommer? Und wenn es nichts zu Erzählen gibt, holt er ein Kartenspiel heraus und spielt eine Runde. Dazu reicht der Wirt einen Schnaps, den er schnell und leicht nimmt. Gelassenheit, Lebensfreude und Lebenssattheit. Keine Eile, kein Smartphone, keine Termine. Zeit füreinander, ungeplant und unkompliziert. Mit ihm brauche ich auch nicht viele Worte wechseln. Sein Anliegen liegt in seiner ganzen Haltung: Pause machen, Gelassenheit ins Leben bringen, das Jetzt genießen.

Ich wende mich um. Vor der Terrasse liegt der Spielplatz. Dort beobachte ich ein Kind, das ganz in sein Spiel vertieft ist. Es rennt und tobt, springt auf die Schaukel, klettert auf die Äste eines Baumes. Ich muss hinterherlaufen, um es überhaupt einzuholen. „He, bleib doch mal stehen!“ „Hallo! Gibst Du mir Anschwung?“, fragt es mich geradeheraus. Es setzt sich auf die Schaukel, keine kleine Spielplatzschaukel, sondern die große Baumschaukel, die es in weitem Bogen durch die Luft schweben lässt. Es schwingt die Beine hin und her und holt so noch mehr Schwung. „Höher!“, lacht es. Gewagt springt es mitten im Flug ab. Die Kratzer am Knie machen ihm gar nichts aus. Schon ist es beim nächsten Spielgerät. „Kommst Du mit zur Turnstange?“ fordert es mich begeistert auf. Ich werde langsam atemlos bei diesem Tempo. Gleichzeitig steckt mich die Fröhlichkeit und Unbeschwertheit total an. Und nicht ohne Staunen bewundere ich, wie dieser kleine drahtige Körper sich um die Turnstange wirbelt und geschmeidig und kraftvoll Kunststücke vollführt. Dabei ist es ganz mit sich eins und zufrieden. „Tschüß, ich muss mal weiter.“, rufe ich ihm zu und überlasse es wieder ganz dem ausgelassenen Spiel.

Da stehen noch mehr Leute auf der Terrasse und im Gasthaus sitzen bestimmt auch noch einige. Für heute habe ich genug und mache mich auf den Rückweg. Als ich beim Gehen in meine Jackentasche greife, fühle ich etwas. Ganz glatt und kühl: Eine Kastanie. Dieser natürliche kleine Juwel  wurde mir wohl von jemandem zugesteckt. Wer das wohl war?

 

„Der Raum in mir“ ist der Titel meines Blogs. Seit ich angefangen habe, zu schreiben, fällt mir auf, wie oft vom Raum die Rede ist. FreiRaum im Focusing, SchreibRaum für das kreative oder biografische Schreiben, LebensRaum, der mein ganzes Sein umfasst. Daher setze ich die Raum-Serie noch weiter fort, weil es hier noch so viel mitzuteilen gibt! Demnächst mehr zum Raum in mir und dem gleichnamigen Buch von Peter Lincoln, bei dem ich Focusing gelernt habe.

 

Ich lade zu einer Übung ein: Beobachte im Alltag Deine unterschiedlichen Stimmungen und Gefühle. Achte darauf, in welchen verschiedenen (beruflichen, privaten) Rollen Du unterwegs bist. Horche dann in Deinen (Innen-)Raum hinein: Welcher Teil von Dir ist gerade „auf der Bühne“ und spricht? Welcher Teil fühlt sich dabei in Dir wie an? Welche Personen, die Du in Dir antriffst, gefallen Dir? Versuche mit einem neugierigen und interessierten Blick Kontakt aufzunehmen. Vielleicht lernst Du dabei auch ein paar schräge oder komische Typen kennen.

Reflexion: Wie ist es, mit den verschiedenen Anteilen in Dir Kontakt aufzunehmen? Mach Dir bewusst, dass diese Übung nur ein Modell anbietet, Du bist viel mehr als die Teilpersonen in Dir.

 

 

8 Kommentare zu „Der Raum in mir

  1. Liebe Christiane,
    dein Blog eröffnet schreibend auch mot jedem neuem Beitrag einen neuen Raum, eine neue und längst schon vorhandene Tür zu sehen und zu öffnen, mich mit meinen Räumen im Innen und Außen zu beschäftigen, sie zu erfahren und zu erleben, auf eine sehr spannende Weise, danke dir für die wöchentlichen Einladungen mich mit mir in meinen (Lebens)Räumen zu finden, zu suchen und zu erleben,
    liebe Grüße,
    Mia

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  2. Eine sehr angenehme Reise durch dein inneres Cafe 🙂 Es ist so wichtig, dass der Mensch, auf diese schöne spielerische Art sich erforscht. Dass wir wie die Kinder an die „Identifikationen“ heran gehen… Mal verkleide ich mich als Indianer, mal als Fee, mal als Löwe… Ich selber frage mich immer mal wieder… „Wer schaut da aus mir heraus… Wer schaut da aus dem anderen heraus?“ Inspiriert von Klaus Renn… Es braucht immer wieder Langsamkeit, wenn ich etwas in mir entdecke, dass ich, wie du es sagst, nicht mit ihm identifiziere. Es sind für mich wie Spiegelbilder von dem, was wir als Kinder angefangen haben zu glauben… „Ich bin tollpatschig, Ich bin unordendlich…“ Ich weiß nicht, wie es dir damit geht, aber ich liebe den Gedanken, dass der oder die, die gerade aus mir herausschaut und vielleicht gerade total zickig ist, weil mich etwas anderes unter Druck gesetzt hat, nicht nur die Zickige ist, sondern etwig und immer das kleine Mädchen.Und wie kann ich diesem kleinen Mädchen je böse sein… P.S. Ich habe Focusing bei Astrid Schilling gelernt und komme aus dem Raum Bonn.. Herzliche Grüße! Melanie

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    1. Liebe Melanie,
      oh wie schön, eine Focusing-Frau! Herzlich Willkommen auf meiner Seite, in meinem Raum 😉 Wie hast Du mich gefunden?
      Ja, da ist dieses kleine Kind in mir, das nach wie vor vor allem Liebe, Ermutigung und eine Umarmung braucht. Damit sie weitergehen kann und dann damit auch groß werden darf.
      Freue mich auf den weiteren Austausch mit Dir.
      Herzliche Grüße
      Christiane

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      1. Hallo liebe Christiane, ich habe dich über das Stichwort auf WordPress gefunden, weil ich selber hier mit dem Schreiben begonnen habe… 🙂 Mich freut es total, dass es Menschen wie Dich gibt, die Focusing dadurch greifbarer machen. Focusing ist für mich eine lebenslange Liebe, die nie vergehen kann… Ich freue mich auch auf einen weiteren Austausch mit Dir! Hab einen schönen Resttag in Deinem Raum… 🙂 Herzliche Grüße zurück! Melanie

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  3. Liebe Christiane,
    ich finde es immer wieder toll, wie mich Deine Posts zum Nachdenken bringen. Ich lese sie zunächst und lass sie einfach wirken und dann merke ich, wie sie in mir arbeiten. Manche mehr, manche weniger. Der letzte Beitrag über die Rollen, die wir im Leben spielen, hat sehr nachgewirkt. Er hat mir erklärt, warum ich so ohne Wehmut nach über 30 Jahren Richterdasein aus diesem Beruf aussteigen konnte.Ich habe beinah ein schlechtes Gewissen, dass ich keinerlei Bedürfnis nach Erinnerungstouren zu den alten KollegInnen und MitarbeiteIInnen verspüre. Es waren zumeist gute und erfolgreiche Jahre, die ich dort verbracht habe. Sie haben mein Leben zu einem großen Teil ausgemacht und ermöglichen mir jetzt eine finanziell sorgenfreie Zukunft. Aber es war eben nur eine Rolle, die ich zwar mit Herzblut ausgefüllt habe, die aber nicht ich war. Ich habe diese Rolle sicher gut gespielt, denn ich habe gut gelernt. Am Ende war auch sehr viel von meiner Persönlichkeit mit enthalten, aber es war doch nur eine Rolle. Nun ist dieses Stück zu Ende gespielt. Die Bühne ist frei für neue Dinge und da stören, so hart es klingen mag, die alten Mitspieler nur. Das Hinterfragen, ob ein anderer Beruf, der weniger Rolle und mehr Berufung gewesen wäre, der bessere gewesen wäre, ist müßig. Es hat sich so ergeben. Ich frage mich auch, ob ich das Wort „Rolle“ nicht auch eigentlich zu negativ besetze. Es hat was von „Nicht-authentisch-sein“ und damit einen negativen Touch. Aber ist das Leben nicht letztlich eine große Bühne und lädt immer wieder zu neuen Rollenspielen ein? Wenn man sich dessen bewußt ist, dann ist das eigentlich keine schlechte Ausgangsposition. Also Bühne frei räumen und Vorhang auf.
    Danke für den Denkanstoß und liebe Grüße
    Anne

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    1. Liebe Anne,
      ich bewundere sehr, wie offen, achtsam und mutig Du mit meinen Impulsen umgehst. Ich bin jedes Mal berührt, wie Du schilderst, was Du damit erlebst. Danke für Deine Offenheit, von Deinen Rollen im Leben zu schreiben. Ich unterscheide in „Rollen“ und „Teilpersonen“. Rollen können so etwas sein wie die Berufsrolle, die Rolle in einer Familie, im Freundeskreis usw. Hier zeigen wir in unterschiedlichem Maß unsere Persönlichkeit. Und das wird auch maßgeblich vom Kontext und den anderen mitbestimmt, welche Seite von mir dort gefragt, gefordert und gefördert wird. Und sicher hast Du als Richterin sehr viel von Deiner Kompetenz eingesetzt, denn Du schreibst ja auch, dass Du sie mit Herzblut ausgeführt hast. Daher warst Du ja auch dort „ganz da“. Und nun stellst Du fest, dass es auch noch andere Teil in Dir gibt, die dort gar nicht vorgekommen sind, die im Hintergrund waren und die nun sichtbar werden. Dadurch muss das andere nicht abgewertet oder weniger wahr sein. Es war ja auch keine „vertane“ Zeit, sondern eine Zeit, in der Du Dich hauptsächlich auf diese Art und Weise gezeigt hast, die dort angebracht war. Im Focusing spricht man eher von „Teilpersonen“, die in mir sind. Da gibt es die Kompetente, die Freundliche, die Einsame, die Wütende, … Und je nachdem, in welcher Situation ich bin, zeigt sich „ein Teil von mir“. Manche dieser Teile sind nicht oft sichtbar oder werden von anderen Teilen zurückgedrängt oder unterdrückt. Die Focusing-Arbeit lässt alle Teile stehen, gibt ihnen Raum sich zu zeigen und schon das allein kann sehr hilfreich und heilsam sein. Es ist wie im Leben: Wir möchten gesehen werden. Und das möchten diese Teile, die oft in die Verbannung geschickt werden, eben auch. Ich schreibe demnächst etwas zu dem berühmten „Inneren Kritiker“, über den immer alle so schimpfen. Auch er braucht einen guten Platz in uns!
      Ich grüße Dich herzlich
      Christiane

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      1. Liebe Christiane,
        danke, dass Du da noch mal was zurechtrückst. Das mit den verschiedenen Anteilen meiner Person, die in mir sind, macht es mir leichter, mich als eine Einheit zu verstehen, die eben aus mehreren Teilen besteht, von denen mal der eine und mal der andere im Vordergrund ist. Ich finde es gut, über die Bewertung mit der man in den Rollen schnell zur Hand ist, hinauszukommen. Jedes Ding oder eben jeder Teil zu seiner Zeit und gut, wenn man weiß, wieviele Teilpersonen in einem stecken und man sie auch alle akzeptieren kann. Ja, das gefällt mir. Und ich bin gespannt auf Deinen Post zum Inneren Kritiker, denn dieser Anteil ist ziemlich stark in mir und ich tue mich schwer, ihn zu akzeptieren. Entweder kusche ich vor ihm oder ich rebelliere, statt ihm einfach mal Raum zu geben und zu gucken, was er mir sagen und zeigen will.
        Liebe Grüße
        Anne

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