Schatzkiste

Ich tauche immer tiefer ein in die Reise zu mir selbst. Durchschreite meinen inneren Raum, mache Entdeckungen, setze mich hin, hör mir zu, mach das Licht an, kuschel mich ein. Ich begegne meinen tiefsten Ängsten, meiner Begeisterung, meinem kindlichen Mut, meiner unbändigen Freude. Ich drücke das, was ich dort finde aus: beim Tanzen, beim Theaterspielen, beim Weinen, beim Klavierspielen. Im Focusing öffne ich mich den Bildern, Gefühlen, Erinnerungen und versuche Worte dafür zu finden. Mein Körper zeigt mir, was ich sehen darf, und verschließt sich, wenn ich zu nah komme.

Auf dieser Reise bin ich auf Erinnerungen gestoßen. Die haben mich wieder in Kontakt gebracht mit Phasen in meinem Leben, in denen ich schon sehr viel geschrieben habe. Heute fand ich im untersten Fach meines Schreibtisches Mappen mit Texten. Ich blätterte darin, dann setzte ich mich aufs Sofa und las. Mein Erstaunen wurde immer größer. Das habe ich wirklich schon mit Anfang 20 geschrieben? Wie diesen Text:

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft
Das Erschreckende an der Vergangenheit
ist, dass sie nicht zu ändern ist. Das, was ich einmal gesagt, getan habe, ist nicht mehr zurückzunehmen, rückgängig zu machen – allenfalls zu ent-schuldigen.
Das Wohltuende an der Vergangenheit
ist, dass ich auf das zurücksehen kann, was ich bereits geleistet, erlebt HABE, dass ich Krisen überstanden habe und gute Erinnerungen in mir trage.

Das Angstmachende an der Zukunft
ist, dass sie unaufhaltsam kommt, sie schreitet voran in Form von Zeit, ohne dass ich einhalten kann und sie ist unvorhersagbar.
Die Chance an der Zukunft
ist, dass sie grundsätzlich offen ist, alle Möglichkeiten noch vor mir liegen, alle früheren Fehler eine Korrektur, einen Neufassung bekommen können.

Und die Gegenwart?
Sie ist die Schwierigste von allen. Sie entzieht sich der Beschreibung. Kein Festhalten oder Vorwegnehmen möglich.
Nur das Gefühl ist der Ort der Gegenwart – das macht es so einmalig, so unwiederholbar –
Ich wünsche mir, öfter im Augenblick zu leben, ohne ihn halten zu wollen, sondern ihn nur zu empfinden.

 

Das liest sich so frisch und aktuell, dass ich ganz berührt bin von meiner damaligen Weisheit! Ich fühle mich neu mit mir verbunden, es fügt sich etwas zusammen, was schon ganz lange zu mir gehört. Ich war damals ganz nah dran an mir und meinen inneren Quellen. Das beruhigt und bestärkt mich. Es ist alles schon da.
Ein anderes Mal mehr aus der Schatzkiste.

 

Ich lade zu einer Übung ein: Suche alte Fotos und Tagebücher von Dir heraus. Blättere darin, lies Texte oder alte Briefe, Freundschaftsbücher oder Ähnliches. Lass die Texte auf Dich wirken. Beobachte die Gefühle, die dabei entstehen. Nimm Dir Zeit, Deinen Körper wahrzunehmen und begrüße alles, was da kommt. Versuche nicht zu urteilen (wie naiv war ich da… damals war alles so einfach/schwer…). Sondern knüpfe an, stimme mit ein, lass in Dir anklingen, was davon heute noch da ist. Welcher Teil in Dir wird angesprochen?

Reflexion: Wenn Du Dein früheres Ich in den Fotos oder Tagebüchern findest, wen siehst Du vor Dir? Wie verbunden fühlst Du Dich? An welche Gefühle knüpfen diese Erinnerungen an? Wie ist es, das heute zu fühlen?

11 Kommentare zu „Schatzkiste

  1. Liebe Christiane,
    ja, in altem Texten zu stöbern und sich selbst so einfühlsam, weise und klar zu finden, ist ein ganz besonderes Geschenk und da ist der Begriff *Schatzkiste* ein wirklich sehr treffender.
    Wunderschön zu lesen wie sich da für dich ein Kreis schließt, das habe ich sehr gerne gelesen,
    liebe Grüße ,
    Mia

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Mia,
      meine erste Antwort ist anscheinend verschütt gegangen. Danke fürs Lesen und Teilen Deines Feedbacks! Ja, es ist schön, wie sich gerade alles so zusammenfügt und „Alles ist schon da“ immer wieder bestätigt.
      Herzlich
      Christiane

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  2. Liebe Christiane,
    vielen Dank, dass du deinen wunderbaren Text über Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart aus der Schatzkiste geholt und mit uns geteilt hast. Ich finde, du klingt sehr reif (für das junge Alter), aber auch mit dieser Neugier und Wachsamkeit für die Welt, die es noch zu entdecken gilt.

    Ich habe erst vor ein paar Tagen in meinem Reisetagebuch geschmökert, das ich als 19-jährige auf meiner Inter-Rail-Reise durch Skandinavien geschrieben habe – und habe mich wiedererkannt, aber manches war doch erstaunlich fremd.
    Eine interessante Zeitreise in sich selbst.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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    1. Liebe Ulrike,
      danke! Lustig, dass Du auch gerade alte Schätze entdeckt hast und hier teilst, was sie Dir zu sagen hatten! Ja, sich selbst mal von ganz weit weg aus zu betrachten, kann auch mal ganz aufschlussreich sein: was ist mir heute fremd? Wie habe ich mich entwickelt? Was habe ich vielleicht auch verloren, was mir früher wichtig war?
      Danke!
      Herzlich
      Christiane

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  3. Liebe Christiane,
    „Ich tauche immer tiefer ein in die Reise zu mir selbst. Durchschreite meinen inneren Raum, mache Entdeckungen, setze mich hin, hör mir zu, mach das Licht an, kuschel mich ein. Ich begegne meinen tiefsten Ängsten, meiner Begeisterung, meinem kindlichen Mut, meiner unbändigen Freude.“
    Wunderschön geschrieben! Damit hattest Du mich sofort.
    So eine Reise zu meinem vergangenen Ich unternehme ich auch manchmal und bin dann teilweise gerührt oder erstaunt darüber, welche Dinge mich damals (schon) bewegt haben…
    Danke, dass Du uns auf eine deiner Reisen mitgenommen hast!

    Liebe Grüße
    mo…

    P.S. Das Photo finde ich großartig!

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  4. Liebe Christiane,
    ich habe letztens beim Aufräumen vor und nach dem Renovieren eines Teils meiner Wohnung auch in meiner Schreibschatzkiste gekramt. Da waren meine Tagebuchaufzeichnungen als 17 Jährige.Erste, noch ungelenke Schreibversuche, mit vielen Wünschen und Träumen und wenig Ahnung vom wahren Leben. Und wie schnell das Leben weiterzieht. Ich fühle mich mit dem jungen Mädchen verbunden, aber auch gleichzeitig ziemlich alt. Da geben mir Deine ersten Sätze mit ihren Bildern Hoffnung. Wie schön, wenn man in sich selbst das Licht anmacht und sich dann einkuschelt. Ich arbeite dran.
    Liebe Grüße
    Anne

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    1. Liebe Anne,
      danke für das Teilen Deiner schönen Erfahrung. Wie schön doch auch zu sehen, wie Du Dich entwickelt hast, wie Du jetzt auf das Leben blickst und welche Verbundenheit noch da ist mit dem Teil, der ja auch noch in Dir lebt… Ich komme gerade vom Focusing, wo ich meine „Teilpersonen“ kennen gelernt habe 😉
      Herzliche Grüße
      Christiane

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