Furchtlos

Rau weht der Wind. Dunkel schließt die Nacht das letzte Licht ein. Von Ferne ist das Rauschen der Wellen zu hören. Gischt prallt gegen die Steilwand und versandet. Wer hier schutzlos steht, wendet sich ab und kehrt zu seinesgleichen in das warme Haus zurück. Hier hat er nichts verloren, denn hier ist alles verloren. Das Ende der Welt. Das Ende der Hoffnungen. Abgrund. Mit Spott und Verachtung wenden sie sich ab und folgen ihrem Glück. Suchen das ihre und das Weite. Das hier braucht kein Mensch. Kälte, Abschaum, Verzweiflung, Gewalt und Schreie. Nein, hier haben sie nichts verloren. Das Glück schon gar nicht. Es ist woanders zu finden. Dort, wo alles glatt und glänzend scheint. Zwar hart erkauft, zugegeben. Aber das merken sie nicht.

Näher dran sind nur die Ausgestoßenen. Die Verachteten. Die Randfiguren der Geschichte. Sie kennen sich aus im Dunkeln. Finstere Geschäfte sind ihr Alltag. Schwarz wie die Nacht ist das Herz. Und das weiß jeder. Sie kennen die Verachtung und Gleichgültigkeit, die von den vermeintlich Perfekten zu ihnen herüberschwappt. Es lässt sie kalt. Zu geschunden ist das Herz, ein dicker Panzer lässt alles abprallen. Sie haben sich arrangiert mit der Kälte, der Dunkelheit, dem Hass und der Verzweiflung.

Sie, die da draußen zu Hause sind, wenden den Blick nach oben. War da nicht was? Was war anders als sonst? Der Mut der Verzweiflung lässt sie aufhorchen und aufsehen. Sie haben nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Sie folgen ihrem Herzen. Die Hütte taucht vor ihnen auf. Sie kennen sie. Dieser ebenso verachtete Ort ist ein Raum der Ausgestoßenen, der Heimatlosen und Gekränkten. Diese Hütte umwebt heute etwas Magisches. Sie spüren: Etwas ist anders! Sie fühlen sich angezogen wie von einem Magneten. Sie wissen tief in ihrem Inneren: Hierin liegt die Wahrheit. Sie schleichen um den notdürftigen Bretterverschlag herum. Sie streichen mit den Händen über das rohe Holz. Die Tiere sind auch dabei, ihr Atem bläst neblige Wolken in die Nacht. Ihre Körper beben. Sie wagen nicht zu sprechen, nicht mal zu flüstern. Schweigend umkreisen sie die Hütte bis zur Tür. Wagen sie es?

Zu groß ist die Sehnsucht, die Neugier. Langsam schiebt eine Hand den Riegel hoch. Es gibt nichts zu verlieren. Hier wird es geschehen. Sie schieben die Tür auf und schleichen sich herein. Ein Gefühl von Ehrfurcht und Leichtigkeit erfasst sie. Es ist ganz anders als sie dachten und trotzdem so vertraut. Es ist wie nach Hause kommen an einen wildfremden Ort. Das Licht ist sanft und scheint so durchdringend und taghell in ihr Herz und blendet überhaupt nicht. Alles ist auf einmal sichtbar, das ganze Leben ist offenbar und da ist keine Furcht. Was haben sie hier erwartet? Sie wissen es nicht. Aber was sie finden ist ganz anders.

Ihre Augen wandern durch den kleinen, notdürftigen Raum. Eher ein Stall als eine Hütte. Stroh für Tiere, auch der Duft passt dazu. Das Scharren von Hufen, Wärme, wie nur Tierkörper sie verbreitet. Eine Lampe funzelt unruhiges Licht, in einem abgegrenzten Kegel wird es sichtbar. Sie treten näher heran. Die Kleinste drängt sich nach vorn. „Ein Baby!“ Ausgeliefertes Neugeborenes, in die Hände dieser Welt gegeben.

Sie verharren still, auch in ihnen regen sich Kinder. Die inneren Kinder. Die Alleingelassenen. Die Vernachlässigten. Die Verletzten. Mit ihren Augen können sie es sehen. Hier wird sich ihr Leben verändern. Auch sie werden hier neu geboren. Verbinden sich mit der Schutzlosigkeit des Neugeborenen. Im Stall. Am Rand der Welt.

Ein sicherer Ort für all die Kinder. Sie atmen auf. Inmitten aller Schutzlosigkeit sind sie geborgen. Angesehen. Hier, am Rande der Welt, am Abgrund des Lebens finden sie Heilung, Versöhnung, Sicherheit.


Photo by Stephen Ellis on Unsplash

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