Chronos

Chronos ist die Zeit, die unerbittlich weiterläuft. Kein Anhalten möglich, eingezwängt in Tag und Nacht, Stunden und Minuten läuft sie zählbar ab. In dieser Zeit läuft die Geschichte ab, Geschichte wird geschrieben von Moment zu Moment. Heute ist Morgen schon gestern. Dieser Zeitstrom kann einen Sog entwickeln, in den ich hineingezogen werde. Getrieben, geschoben oder mitgeschwemmt. Was macht das Gefühl von Ausgeliefertsein aus? Inwiefern ist es die Zeit, die mich (fremd) bestimmt?

Ich habe keine Zeit ist ein anderer Ausdruck für: Ich gebe dem keine Priorität. So gesehen bin ich die Entscheiderin über meine Zeit. Ich kann bestimmen, womit ich meine Zeit fülle. „Füllen“ klingt so, als wenn meine Lebenszeit ein Gefäß wäre, in das ich immer etwas hineintun muss.

Und es gibt Tage wie diesen, an dem ich mir leer und nutzlos vorkomme, wo ich dasitze und nichts mit meiner Zeit anzufangen weiß. Wo mich die Freiheit, mit meiner Zeit umzugehen, überfordert. Muss denn Zeit immer genutzt und gefüllt werden? Kann ich nicht auch mal einfach sein? Dieser Zustand ruft so eine Unruhe in mir hervor und schon rattern die Gedanken los und ich frage mich, was dahinter steckt.

Eine radikale Umdeutung der Zeit geschieht durch Körperwahrnehmung und Körperbewusstsein: Mein Körper is

Uhr Buergerwache_Dirk Henkel
Uhr Bürgerwache Bielefeld, (c) Dirk Henkel

t immer im Jetzt! Mein Geist kann im Gestern oder Morgen sein, sich in Planungsschleifen verheddern oder in Grübeleien versinken oder in Vergangenem verharren. Im Augenblick sein kann ich im Körper immer nur Jetzt. Und genau dann geschieht Leben. Und diesen Moment wahrzunehmen und mich zu entscheiden, das heißt Kairos:

 

 In biblischen Texten wird das Wort Kairos für einen von Gott gegebenen Zeitpunkt, eine besondere Chance und Gelegenheit, den Auftrag zu erfüllen, verwendet.

Ich lade zu einer Übung ein: Jetzt, in diesem Moment, kannst du deinen Körper wahrnehmen. Vielleicht sitzt du und kannst bemerken, wo dein Körper von der Sitzgelegenheit getragen wird und ein wenig mehr Gewicht abgeben. Nimm einmal bewusst deine Füße wahr, diese kleinen Flächen halten dich Tag für Tag auf den Beinen. Jetzt kannst du ihnen einen Augenblick Aufmerksamkeit schenken.

Reflexion: Was hilft mir, immer wieder im Jetzt zu sein von Moment zu Moment? Welchen besonderen Moment, Kairos, habe ich in meinem Leben erlebt?

7 Kommentare zu „Chronos

  1. Liebe Christiane, mir hilft es, die besonderen Momente zu zelebrieren, die Gedanken, die sich und mich in der Zeit überholen wollen, durch wiederkehrende Rituale zu unterbrechen, sie und mich aus der Zeit herauszunehmen und für einen Moment zu „konservieren“ …
    So ist immer der Übergang vom Job zum Wochenende ein besonderer, den ich bewusst gestalte, ich öffne das Fenster weit, stehe dann einfach nur da am Fenster und schaue auf das Grün am Horizont hinter den Dächern der Stadt …
    Nicht mehr und nicht weniger,
    viele Grüße,
    Sabine

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  2. Liebe Christiane,
    die besonderen Momente, an die ich sofort denke, u.a. weil sie für lange Zeit die Geschwindigkeit und alles auf Äußerlichkeiten Fokussierte aus meinem Leben genommen haben: die Geburten meiner Kinder. Das Leben mit Neugeborenen folgt einem anderen Rhythmus, nichts anderes ist mehr wichtig als z.B. im Moment des Stillens einfach diese gemeinsame Zeit, die wortlose Nähe und Verbundenheit. Ich erinnere mich an die Welt- und, ja auch: Zeitentzogenheit, an die Stille in meinem Leben damals — abgesehen vom Geschrei, das auch mal stundenlang anhalten konnte 😉 und ich werde sehr wehmütig. Ich denke, damals habe ich Kairos erlebt. Vielleicht war es das Wertvollste, was ich je erfahren durfte.
    Danke für diese interessanten Gedanken und auch für den Buchtipp.
    Heike.

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  3. Die Zeit ist wahrlich ein seltsames und spannendes Phänomen… Wir haben so viele wunderbare sprachliche Bilder für sie und mal haben wir keine Zeit und dann wieder alle Zeit der Welt. Wir leben sehr viel in der Vergangenheit oder machen uns Gedanken über die Zukunft. Dabei ist keine Zeitspanne so kurz und kostbar wie die Gegenwart. Ein Augenzwinkern nur bzw. 2-3 Sekunden dauert das Jetzt. Aber es lässt sich ausdehnen durch Achtsamkeit und Meditation bzw. eben durch das ganz bewusste Wahrnehmen. (https://www.substanzmagazin.de/so_nimmt_unser_gehirn_zeit_wahr_und_erzeugt_das_gefuehl_von_gegenwart/) Mir gelingt das ganz besonders in Genussmomenten. Wenn ich mir den morgentlichen Kaffee auf der Zunge zergehen lasse zum Beispiel. 🙂

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  4. Liebe Christiane,
    ich finde diesen Satz erstaunlich: „Der Körper ist immer im Jetzt“. Für mich hat dieser Satz etwas tröstliches, denn es bedeutet, dass ich nichts festhalten kann und nichts festhalten muß. Mein Körper befindet sich in steter Veränderung, ohne das ich diesen Prozess beeinflussen kann. Also kann ich geschehen lassen ohne mir zu wünschen, dass die Zeit zur Konservierung eines schönen Moments doch stehen bleiben möge. Ich kann das Vergehen der Zeit nicht beeinflussen, also versuche ich nicht sie festzuhalten.
    Danke für diese Anregung zum Denken und wieder einmal Wahrnehmen von unabänderlicher Vergänglichkeit.
    Liebe Grüße
    Anne

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  5. Liebe Christiane,
    mir gefallen Deine Themen sehr. Sie führen zur besseren Selbstwahrnehmung. Das ist ziemlich wichtig, gerade in der heutigen Reizüberflutung.
    Mit dem Thema Zeit tue ich mich schwer. Ich ertappe mich dabei, immer noch zu oft in der Vergangenheit zu verharren, mich mit Dingen aufzuhalten, die ich nicht mehr ändern kann. Das Hier und Jetzt ist das, was zählt, denn das Leben ist jetzt.
    Ich habe auch manchmal Probleme, mich in eine Zeitvorgabe hineinzufügen. Oft möchte ich die Zeit dehnen. Ich habe ein wenig den Verdacht, dass es damit zusammenhängt, dass ich ganz am Anfang nicht meinen eigenen Rythmus leben durfte, sprich, mein Rythmus wurde gestört, ich bin eine Zangengeburt.
    Der Kairos ist etwas sehr Wichtiges. Das Richtige zur rechten Zeit tun, wahrnehmen, was jetzt dran ist, spüren, dass jetzt vielleicht etwas ganz anders läuft und man auch einmal den Mut haben sollte, der eigenen Stimme zu folgen, auch wenn das bei Anderen auf völliges Unverständnis stößt.
    Ich kann kostbare Augenblicke wunderbar konservieren, da ich sehr intensiv wahrnehme. Manches fühle ich nach Jahrzehnten noch, wie es einmal war.
    Danke für Deine Gedanken.
    L.G. Gabriele

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