Parallel-Leben

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Rainer Maria Rilke

Ich wünsche mir ein Parallel-Leben – so habe ich es vor Kurzem formuliert, als ich merkte, dass ich gerade das, was mir eigentlich wichtig ist, nicht verwirkliche. Weil mein Leben schon so voll ist. Weil ich 1000 andere Sachen mache. Weil ich den Kontakt zu mir verliere. Weil meine Pläne von vorgestern meinen Tag heute füllen.

Hach, was würde ich alles in meinem Parallel-Leben tun und erleben! Ich würde ausschlafen und geruhsam in den Tag starten. Eine zweite Tasse Tee am Frühstückstisch trinken. Meine Runde in der Natur genießen. Lesen und Musik hören. Auf dem Markt einkaufen und mich mit Freundinnen treffen. Podcasts kreieren. Räume zum gemeinsamen Schreiben gestalten. Focusing anleiten und Menschen begleiten. Ein Buch schreiben. Tanzen. Improtheater spielen und Klavier.
Und manchmal, vielleicht ja immer öfter, schwappt etwas aus dem Parallel-Leben ins richtige Leben rüber und ich lächle.

Wovon träumst Du in Deinem Parallel-Leben? Oder verwirklichst Du es schon?

Innehalten

Das Tal ist durchschritten.
Es geht wieder aufwärts.

Ein Tal
von vielen Tälern.
Im Tal fließt doch das Wasser,
im Tal blühen die Blumen,
im Tal wohnen die Menschen.
Warum sollte ich auf den Berg steigen?

Der nächste Berg.
Er steht schon vor mir.
Warum ist aufwärts gehen so positiv besetzt?
Aufwärts gehen ist anstrengend!
Die Last liegt auf meinen Schultern.
Wie leicht kann das Gepäck sein?
Was lasse ich im Tal?
Welche Wegzehrung benötige ich?

Mich nehme ich mit.
Das ist Last genug.
Und Lust genug,
Kraft genug,
Ausdauer genug.

Mir vertrauen.
Vertrauen in den Aufstieg.
Oben wartet die Aussicht.
Gipfelerlebnisse
sind nicht alltäglich.
Nicht jeder Aufstieg
wird mit einem Ausblick belohnt.

Manches ist nicht der Mühe wert.
Woher weiß ich das vorher?
Welche Mühe lohnt sich?
Reicht nicht das Gehen?

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Nur für heute

Nur für heute
möchte ich dem Drang widerstehen
mich zu verzetteln.

Nur für heute
möchte ich mein Tempo finden
und mich nicht antreiben.

Nur für heute
möchte ich loslassen,
was mich von mir wegzieht.

Nur für heute
möchte ich dableiben,
statt aufzustehen und wegzulaufen.

Nur für heute
möchte ich mich neben die Angst setzen,
warten, bis sie spricht.

Nur für heute
möchte ich erleben,
dass Verletzlichkeit
wirklich stark macht.

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Zögern

Aufhören zu suchen ohne zu finden.
Nicht länger zögern ohne loszugehen.
Es gibt kein Verharren
Es gibt keinen Stillstand
Es gibt keine Stabilität
Aber es gibt Schutz
Mein Inneres ist geschützt
Ich vertraue mir
Ich höre auf, mir zu misstrauen
Niemand greift mich an.
Ich bin frei
Maximal frei
Und doch begrenze ich mich
Meine Angst begrenzt mich

In der Welt habt Ihr Angst,
aber siehe, ich habe die Welt überwunden.

Die Welt ist überwunden
Die Angst ist noch da
Wie kann ich die Angst überwinden?
Die Frage nach dem Zögern
Wie kann es für meine Reise nützlich sein?
Was lässt mich zögern?

Zögern… noch nicht
Was ist das Zögern?
Zögern als Raum für neue Möglichkeiten
Im Zögern bleiben und den Raum öffnen
Das Zögern öffnet einen Raum
Wie ist es in diesem Raum zu sein?
Welche Begrenzungen erlebe ich in dem Raum?
Eröffnen die Begrenzungen etwas?
Oder engen sie ein?
Welche neuen Wege werden durch die Begrenzung sichtbar?
Wage ich mich in den offenen Möglichkeitsraum?

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leuchten

Ein Engelsflügelschlag der Hoffnung
ein Fenster öffnet sich
in die Tiefe
Hier hinter dem Hintergrund
liegt die Stille
das Sein
nackt und bloß
ungeschützt und unverhüllt
verbunden

Wie zerbrechlich ist das Vertrauen
wie viel Schutz braucht
das schimmernde Herz
den Zuspruch, dass
der glimmende Docht
nicht ausgelöscht wird
sondern nur ein Funke
ausreicht um
ein Feuer zu entfachen
das leuchtet
von selbst
das Dunkel erhellt

Licht bringt
Luft und
frischer Atem
Leben
Lebensatem
ein Geschenk
einfach so
fast selbstverständlich
und doch
unendlich kostbar
einzigartig
nur für mich

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Komm

Dies ist für alle Kinder, auch die inneren, wenn sie sich verloren, traurig, beschämt, verletzt und einsam fühlen.

Komm und berge dich

Komm an meine Hand
ich begleite dich.

Komm in meine Arme
ich halte dich.

Komm an meine Brust
ich nähre und wärme dich.

Komm auf meinen Schoß
bei mir bist du sicher.

Komm lehn dich an
ich streichle dich.

Komm und weine
ich tröste dich.

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Dankbarkeit

Dankbarkeit in Zeiten von Corona – das klingt wie Schlittschuhlaufen im Hochsommer. Es ist unmöglich. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Es ist nicht die Jahreszeit für Dankbarkeit. Es gibt derzeit Momente – und manchmal reihen sich die Momente so lange aneinander, dass ein Tag daraus wird -, in denen ich diesem Sog nachgebe, der mich in Pessimismus und Angst hineinzieht und mir die Sicht auf vieles verstellt, was in meinem Leben auch noch da ist. Diesem Sog ein fröhliches „Sei dankbar, für alles, was Du hast“ entgegenzustellen, ist zu einfach, ist Oberflächenkosmetik. Denn es ist ein bewusstes Durchleben der Dunkelheit, des Schmerzes, der Hilflosigkeit nötig, ja diese Empfindungen und Gedanken zulassen können und wahrnehmen, dass ich mich gerade so fühle und sie nicht verdränge. Ich kann sie dann als einen Teil von mir ansehen, der sich gerade so verloren oder … fühlt. Damit kann ich anerkennen, dass es da ist, und so auch ein wenig Abstand gewinnen. Ich BIN nicht diese Angst, dieser Schmerz, diese Hilflosigkeit, sondern EIN Teil von mir empfindet es gerade so. Und diesen Teil kann ich dann anschauen, ihn fragen, was er mir sagen möchte und was er braucht. Ich höre dabei auf meinen Körper, denn diese Teile sind eingewoben in eine ganze Geschichte, in einen Lebensfluss, der körperlich manifestiert ist. Vielleicht gibt es da einen Stop, den mein Körper erlebt hat, und der sich jetzt, wenn ich dabei bleibe, auflösen und einen neuen Weg der Fortsetzung im Lebenfluss bahnen kann. Das ist ein Schöpfungsgeschehen, es geschieht, ich überlasse mich vertrauensvoll dem sich öffnenden, sich entfaltenden Empfinden, so dass sich etwas Neues bahnbrechen kann. Ein Gefühl der Erleichterung tritt ein: Das Schwere wurde gesehen und wahrgenommen, und das dahinter, was leben will, konnte wieder freigelegt werden. Der Blick kann sich weiten. Auch wenn ich dem Empfinden von Angst und Hilflosigkeit immer wieder einen Platz in meinem Leben geben oder einräumen muss, so bin ich doch mehr als das.
Wenn ich mir dieses Mehr ansehe, ist da so vieles, wofür ich dankbar bin, auch in Zeiten von Corona.

Ich bin dankbar für den blauen Himmel im November.
Ich bin dankbar für unsere warme Wohnung.
Ich bin dankbar für meine Familie, mit der ich im Homeoffice zu Hause bin. Welch Gnade nicht allein zu sein.
Ich bin dankbar für meine Freundinnen und Freunde, mit denen ich auch jetzt Kontakt habe über das Telefon, Chats, Videotreffen, Briefe, E-Mails und Spaziergänge.
Ich bin dankbar für Musik, mein Klavier und den Spotify-Familien-Account.
Ich bin dankbar für unsere Katze, die von all dem scheinbar unberührt ist und doch sensibel jede Veränderung bemerkt.
Ich bin dankbar für Spaziergänge durch alle Jahreszeiten, die ich in diesem Jahr viel intensiver erlebt und genossen habe.
Ich bin dankbar für Küchentischgottesdienste, Communi-App und Wohnzimmer-Abendmahlsgemeinschaft.
Ich bin dankbar für digitale Morgenmeditationen und social-media-Abendsegen.
Ich bin dankbar für meine Arbeitsstelle, die mir eine sinnvolle Tätigkeit und existentielle Sicherheit gibt.
Ich bin dankbar für das Schreiben, das mir jeden Tag die Gelegenheit gibt, nachzudenken, bei mir zu sein, neue Gedanken zu entwickeln, Erlebtes zu verarbeiten und mich inspiriert.
Ich bin dankbar für Pressefreiheit und parlamentarische Demokratie in unserem Land.
Ich bin dankbar für eine umsichtige Regierung, die eingesteht, dass sie auf Sicht fährt.
Ich bin dankbar für unser Gesundheitssystem und danke allen, die sich hier engagiert und oft über die eigenen Kräfte hinaus einsetzen.

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Sternschnuppennächte*

Ich liege im Gras auf dem Grundstück meiner Kindheit und lasse mich von Sternschnuppen beregnen. Soooo viele Wünsche!

Weißt Du, wie viel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt Du wie viel Wolken gehen
weithin über alle Welt.
Gott, der Herr, hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht, eines fehlet
an der ganzen großen Zahl,
an der ganzen großen Zahl.

Dabei stechen mich die Mücken, die durch die laue Sommernacht schwirren.

Weißt Du wie viel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut?
Weißt Du  wie viel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wellenflut?
Gott, der Herr, rief sie mit Namen,
dass sie all ins Leben kamen,
dass sie nun so frühlich sind,
dass sie nun so frühlich sind.

Ich übernachte in dem Zimmer meiner Kindheit, vieles ist vertraut, vieles hat sich geändert.

Weißt Du wie viel Kinder frühe
stehn aus ihrem Bette auf,
dass sie ohne Sorg und Mühe
fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
seine Lust, sein Wohlgefallen;
kennt auch dich und hat dich lieb,
kennt auch dich und hat dich lieb.

Ein Gute-Nacht-Lied meiner Kindheit.

Wer singt es mir heute?

 

* Um meinen Geburtstag herum haben immer die Perseiden Saison.

 

Photo by Michał Mancewicz on Unsplash

 

 

 

 

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