Mit dir sein

Ich möchte eine Ermutigerin sein
sehen, was in dir steckt
dir ausmalen, was werden kann
dich gehen lassen
in deinem Tempo
Mir selbst auch eine Ermutigerin sein

Ich möchte eine Ermöglicherin sein
deine Potenziale hervorlocken
Hindernisse aus dem Weg räumen
Gelegenheiten geben
dich auszuprobieren
Auch mir selbst eine Ermöglicherin sein

Ich möchte eine Begleiterin sein
die Kraft der Gemeinschaft erleben
Seite an Seite den Weg gehen
Geleit geben für das noch Ungelebte
in den nächsten Raum aufbrechen
Auch mir selbst eine Begleiterin sein

Ich möchte eine Wohlwollende sein
zum Wohlergehen beitragen
dich zum Wollen befähigen
loslassen, was das Wohl verhindert
dabei bleiben, auch wenn es schwer ist
Auch mir selbst eine Wohlwollende sein

Ich möchte eine Unterstützerin sein
manches lässt sich nicht allein tragen
der zarten Pflanze einen guten Boden geben
den Grund festigen, auf dem du stehst
Halt geben, wenn der Boden wankt
Auch mIr selbst eine Unterstützerin sein

Ich möchte eine Trösterin sein
den Schmerz gemeinsam aushalten
deine Hand halten und schweigen
dabeibleiben ohne Worte
in das Licht des Morgengraus eintauchen
Auch mir selbst eine Trösterin sein

Ich möchte eine Partnerin sein
dir auf Augenhöhe begegnen
geben und nehmen leben
Hand in Hand unterwegs sein
dich so sein lassen, mich so sein lassen
Auch mir selbst eine Partnerin sein

Ich möchte eine Kreative sein
den Ideen freien Lauf lassen
aus der Quelle schöpfen
dem Kribbeln nachgeben
den leuchtenden Augen folgen
Auch mir selbst eine Kreative sein

Ich möchte eine Klare sein
offen sein für Durchblick
durchsichtig und unverblümt
aussprechen, was sich in mir formt
entschlossen dem Nicht-Wissen vertrauen
Auch mir selbst eine Klare sein

Ich möchte eine Innovatorin sein
das Neue sichtbar machen
Altes hinter mir lassen
den Blick in die Zukunft wagen
von dort aus die Gegenwart gestalten
Auch mir selbst eine Innovatorin sein

Ich möchte eine Initiatorin sein
ungeahnte Möglichkeiten erspüren
zum Aufbruch einladen
mitreißen und begeistern
anstecken für das noch nicht Dagewesene
Auch mir selbst eine Initiatorin sein

Ich möchte eine Visionärin sein
Ungeahnte Möglichkeiten erkunden
das Morgen vor Augen führen
die Zukunft ins Jetzt holen
die Zeit aussetzen
Auch mir selbst eine Visionärin sein

Ich möchte eine Bewegerin sein
Anschwung holen
Anlauf nehmen
den Absprung wagen
mit Leichtigkeit fließen
Auch mir selbst eine Bewegerin sein

Ich möchte ein Ruhepol sein
einfach mal nichts
in der Stille verweilen
dich lassen, mich lassen
in der Tiefe die Fülle spüren
Auch mir selbst ein Ruhepol sein

Foto by Christiane Henkel

Moment

Den Moment halten
geht nur so lange wie
die Luft anhalten

Dann zieht er weiter
und mit ihm
die Gefühle
die Gedanken
die Empfindungen
die Wahrnehmungen

Was bleibt ist
eine innere Spur
die ein Pfad
werden kann
ausgetreten
breiter werdend

Ein Weg
auf dem ich
mich wiederfinde
im nächsten Moment

Das Pendeln
zwischen dem
immer Gleichen
und dem
immer Neuen
von Moment zu Moment

Gibt es irgendetwas
anderes
als mich
dem Moment
zu überlassen?

Foto by C. Henkel

Vorahnung

Heute ist der Abend
der Vorahnung

Noch einmal zusammensitzen
noch einmal gemeinsam essen
noch einmal ein Blick in die Runde
noch einmal die Freundinnen und Freunde um mich herum
noch einmal die Gemeinschaft genießen

Ich gehe meinen Weg
ich lasse hinter mir
was mich nicht mehr hält
ich trete über die Schwelle
ich atme ein
ich atme aus

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Scherbenhaufen

Und plötzlich liegt es
in Einzelteilen vor mir
Mein Leben
Bruchstücke sind noch
übrig geblieben
Zersplittert und zerfasert
Keine erkennbare Kontur
Zerbrochen

Und plötzlich fühlt es
sich so eng an
Kann mich nicht bewegen
Kein vor
Kein zurück
Angst schnürt den Hals zu
Atemnot

Von außen sieht es
so anders aus
Nach neuen Wegen
und Möglichkeiten
Nach Entwicklung
und Kreativität

Woher kommt diese Angst?
Wer redet mir schlecht zu?
Welche Stimme höre ich da?
Allein gelassen
Überfordert
Irgendwie so schuldig
Wem bin ich etwas schuldig?
Schuldig
so zu sein
wie ich bin?
Wer sagst:
Du darfst das nicht
Du kannst das nicht?

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Unsere Körper wissen die Antwort

Eine Übung aus dem Erleben im Social Presencing Theater, eine Methode aus der Theorie U, die das Spüren des gegenwärtigen Momentes gemeinsam mit der Gruppe probiert.

Der „Stuck“ – hier geht es nicht weiter, es ist wie ein Stopp, ein Verharren, ein Festgefahrensein in meinem Leben – da stockt etwas. Ich wähle einen Bereich meines Lebens, in dem ich gerade so ein Stocken erlebe. Das Thema muss nicht öffentlich gemacht werden. Den ersten Schritt der Übung erprobe ich allein. Wir sind – wie bei allen Übungen – eingeladen, den Körper in das Bewusstsein zu nehmen und die Wahrnehmung auf den Körper zu richten. Von dort entsteht eine Position, wie sich der „Stuck“ im Körper gerade zeigt. Ich gehe in einen Focusing-Prozess: Wie fühlt sich das von mir ausgewählte Thema gerade an? Wir sind in der Übung eingeladen, den „Stuck“ in eine Körperskulptur zu bringen. Ich beginne von der Körperstelle aus, mich ein wenig zu bewegen, um zu proben, wie genau sich das Festgefahrene ausdrücken lässt. Ich überlasse das „Genauern“ dem Körper, das heißt ich probiere so lange Positionen, Gesten, Körperhaltungen, bis sich das „in mir“ richtig ausgedrückt/symbolisiert fühlt. Dabei zeigt der Körper die Position, ich finde sie und spüre nach: Ah, so ist es, in diesem Festgeklebten zu sein.

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Von oben unter die Erde schauen

Das Pilzgewebe – die sichtbaren Pilze über der Erde, das weit vernetzte Gewebe unter der Erde. Manches sieht man nur, wenn man sich rauszoomt und von weit oben schaut: Ah, hier sind auch noch verstreute Pilze, die zum gleichen Geflecht gehören. Wenn Du unter der Erde bist, gehst Du vielleicht manchmal in dem ganzen Wirrwarr des Geflechts unter, verlierst den Faden, weißt vielleicht noch nicht mal mehr, wo Du auftauchen kannst. Gehören die da hinten etwa auch noch dazu? Wo endet das eigentlich? Wohin soll ich mich als nächstes bewegen? Muss ich wie dieser Pilz werden oder wie jener?

Ein Blick von oben zeigt: All diese sichtbaren Pilze sind nur punktuelle Ausdrucksformen von dem großen Geflecht darunter. Manche haben vielleicht die Aufgabe, sich im Geflecht unter der Erde zu bewegen. Vielleicht lange Zeit, bis sie eines Tages als Pilz an die Oberfläche kommen. Manche haben vielleicht die Aufgabe, mit den anderen Pflanzen Kontakt aufzunehmen, sie z.B. zu warnen vor etwas, was weit entfernt einem Pilz aus einer ganz anderen Region bereits gemeldet wurde.

Es wird darüber gestritten, ob Pilze Pflanzen oder Lebewesen sind. Das gefällt mir, diese Uneindeutigkeit, das schwer zu Erforschende, das noch offene, die Wirklichkeit, die sich nicht in eindeutige Begriffe und Kategorien fassen lässt. Vielleicht ist der Pilz beides. Und der Pilz ist auch nicht der Pilz: Das, was man nach außen sieht, ist eigentlich gar nicht das, was die Pflanz (oder das Geschöpf!) ausmacht. Nun ich bin keine Biologin, keine Pilzforscherin, so dass das Bild irgendwann auch an eine Grenze kommt.

Die Wirklichkeit ist mehr als das, was nach Außen sichtbar erscheint. Die reine Beschreibung erfasst nicht alle Aspekte, die diese Wirklichkeit ausmachen. Es gibt Verborgenes, unerforschtes Gebiet, es entzieht sich der Erfassbarkeit mit dem rationalen Begrifflichkeiten.

Und doch braucht es auch diese empirische Grundlage der Beschreibung, um einen Maßstab zu haben, und nicht dem Irrtum zu verfallen, dass jeder und jede nach ihrer Erfahrung die Wirklichkeit für alle deuten kann. Wissenschaft macht auch demütig, der Ausschnitt ist klein, die Werkzeuge begrenzt und die Erkenntnis oft überraschend plausibel und mit dem puren Menschenverstand nachvollziehbar. Hier braucht es so etwas wie die erhellende Kritik, wenn es blinde Flecken gibt oder es bereits neuere Erkenntnisse aus anderen Bereichen gibt. Aber machen wir uns nichts vor: Keine Wissenschaft kann die Wirklichkeit voll erfassen. Sie bleibt standort-, subjekt- und kontextgebunden. Daher braucht es unbedingt eine Forschungsgemeinschaft. Ich wünsche mir eine, die den Willen hat, sich zum Wohl der Menschen, der Mitwelt und der gesamten Erde einzusetzen. Vielleicht sogar in umgekehrter Reihenfolge. Am besten alles gleichzeitig, ohne Rangfolge!

Ich will aufhören, nur für mich zu träumen und zu sehnen. Ich möchte mich einsetzen und das Pilzgeflecht von oben unter der Erde beschreiben. Es sichtbar machen. Meine Verflechtungen, die Netzwerke, die Zugehörigkeiten und Verzweigungen. Und sehen, welch einzigartiger Pilz ich in diesem ganzen Gewebe ich bin.

Etwas ist zerbrochen

Am Anfang wagten wir noch zu hoffen,
dass es anders kommt,
aber nun ist es geschehn.

Wir können es noch nicht verstehn,
vieles bleibt im Dunkeln,
wenn wir noch einmal an den Anfang gehn.

Lange Zeit war alles Harmonie,
die Stimmung gut, die Zeit auch schön,
sonntags haben wir uns gesehen
und gedacht, da stimmte die Chemie.

Für die einen schleichend,
für die anderen plötzlich
wurde Misstrauen aufgebaut,
Zweifel machte sich breit,
Vorwurf wurde laut –
aus Heiterkeit,
und Trausamkeit –
wurde stattdessen  Streit.

Wir können es noch nicht verstehn,
vieles bleibt im Dunkeln,
ungesagt und ungesehen
auf dem Scherbenhaufen der Gefühle
tief verborgen in unsrer Seele.

Doch da ist dieser Schmerz.
Wir tun alles dafür
ihn nicht zu fühlen,
verleugnen unser Herz;
verschließen unsere Augen,
finden Ausreden und wühlen
in anderer Geschichten,
suchen Schuldige, die taugen,
um sie zu richten
und zu schicken,
als Bock in die Wüste.

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