Langsam

Heute bin ich langsam
wie durch Nebel greife ich nach dem Tag
er entzieht sich

Das Denken stockt
als ob es vor dieser unsichtbaren Tür
stehen bleibt und nicht weiter kann

Die Gefühle stehen im Stau
ein Auffahrunfall nach dem anderen
Dicht an dicht kommen sie nicht weiter

Bewegungslos
verharre ich zu lange
eingefroren gelähmt erstarrt

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Scherbenhaufen

Und plötzlich liegt es
in Einzelteilen vor mir
Mein Leben
Bruchstücke sind noch
übrig geblieben
Zersplittert und zerfasert
Keine erkennbare Kontur
Zerbrochen

Und plötzlich fühlt es
sich so eng an
Kann mich nicht bewegen
Kein vor
Kein zurück
Angst schnürt den Hals zu
Atemnot

Von außen sieht es
so anders aus
Nach neuen Wegen
und Möglichkeiten
Nach Entwicklung
und Kreativität

Woher kommt diese Angst?
Wer redet mir schlecht zu?
Welche Stimme höre ich da?
Allein gelassen
Überfordert
Irgendwie so schuldig
Wem bin ich etwas schuldig?
Schuldig
so zu sein
wie ich bin?
Wer sagst:
Du darfst das nicht
Du kannst das nicht?

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Unsere Körper wissen die Antwort

Eine Übung aus dem Erleben im Social Presencing Theater, eine Methode aus der Theorie U, die das Spüren des gegenwärtigen Momentes gemeinsam mit der Gruppe probiert.

Der „Stuck“ – hier geht es nicht weiter, es ist wie ein Stopp, ein Verharren, ein Festgefahrensein in meinem Leben – da stockt etwas. Ich wähle einen Bereich meines Lebens, in dem ich gerade so ein Stocken erlebe. Das Thema muss nicht öffentlich gemacht werden. Den ersten Schritt der Übung erprobe ich allein. Wir sind – wie bei allen Übungen – eingeladen, den Körper in das Bewusstsein zu nehmen und die Wahrnehmung auf den Körper zu richten. Von dort entsteht eine Position, wie sich der „Stuck“ im Körper gerade zeigt. Ich gehe in einen Focusing-Prozess: Wie fühlt sich das von mir ausgewählte Thema gerade an? Wir sind in der Übung eingeladen, den „Stuck“ in eine Körperskulptur zu bringen. Ich beginne von der Körperstelle aus, mich ein wenig zu bewegen, um zu proben, wie genau sich das Festgefahrene ausdrücken lässt. Ich überlasse das „Genauern“ dem Körper, das heißt ich probiere so lange Positionen, Gesten, Körperhaltungen, bis sich das „in mir“ richtig ausgedrückt/symbolisiert fühlt. Dabei zeigt der Körper die Position, ich finde sie und spüre nach: Ah, so ist es, in diesem Festgeklebten zu sein.

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unerträglich

Das Kreuz

Ich möchte schreien,
es ist nicht auszuhalten und nicht mitanzusehen.
Auch damals liefen alle Freunde davon.

Manche sagen, das hat nichts mit mir zu tun,
was geht mich das an.
Auch damals wusch einer seine Hände in Unschuld.

Manche haben nur Spott und Hohn dafür übrig.
Auch damals verachteten und verschmähten ihn
die Häscher und sogar die mit ihm Verurteilten.

Manche haben Spaß daran
und schlagen noch Profit daraus.
Auch damals warfen sie die Würfel
um das letzte Stück Stoff.

Ich bleibe hilflos zurück,
stehe da, kann nichts machen.
Auch damals verharrten Frauen am Fuße des Kreuzes
und mussten seinen Tod erleiden.

Das Kreuz
eine Torheit
unverständliche Gewalt
niederschmetterndes Ende des erhofften Helden
Dunkelheit und Schmerz
Es lässt sich nicht schönreden

Was hat das mit mir zu tun?
Mit meinem Schmerz
mit meiner Wut
mit meiner Feigheit
mit meiner Hoffnungslosigkeit
mit meinem Sterben?

Jesus hing mit mir am Kreuz.

Das ändert alles.

Dort hängt auch
mein Schmerz
mein Hass
meine Verzweiflung
meine Mutlosigkeit
mein Verlassensein

Jesus nimmt das alles mit in den Tod.
Und verwandelt es.


Photo by Rui Silva sj on Unsplash

Herzensdialog

Mein Herz, du fragiles kleines Wesen. Danke, dass es dich gibt.
Nimm Raum in mir. Du darfst wachsen, stark werden und meinen ganzen Körper mit Wohlwollen und Kraft versorgen. Pumpe Liebe und Barmherzigkeit durch meine Adern.

Da bin ich. Ich bin viel stärker, als du denkst. Ich bin da, um für dich zu schlagen. Unaufhörlich. Jeden Tag. Jeder Atemzug hält mich und dich am Leben.

Sag mir etwas vom Leben.

Sei still und erkenne.
Dein Spiegelbild.

Ich sehe mich nicht besonders gerne an.

Ich weiß. Deswegen übersiehst du mich auch so oft. Du kannst tiefer schauen. In deine Augen und dahinter. Dort liegt das Geheimnis.

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Komm

Dies ist für alle Kinder, auch die inneren, wenn sie sich verloren, traurig, beschämt, verletzt und einsam fühlen.

Komm und berge dich

Komm an meine Hand
ich begleite dich.

Komm in meine Arme
ich halte dich.

Komm an meine Brust
ich nähre und wärme dich.

Komm auf meinen Schoß
bei mir bist du sicher.

Komm lehn dich an
ich streichle dich.

Komm und weine
ich tröste dich.

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gesehen

diese Sehnsucht spricht aus jedem Blick
bedürftige Augen
ungestillter Hunger nach Liebe, Aufmerksamkeit und Wertschätzung
Gib mir mehr davon!
sagen sie.
HIER bin ich!
rufen sie.
Sieh mich doch an!

Wie fühlt es sich an
bis auf den Grund
gesehen
zu werden?

Tief hinein
fällt der Blick der Liebe.
Zuerst ein Erzittern und Erschaudern.
Ein Hauch Misstrauen und Angst.

Der Blick bleibt beständig
wendet sich nicht ab
auch wenn dabei alles zu Tage kommt:
aller Zerbruch
alle Scherben
alle Wunden
alle Schmerzen
alle Schreie
alle Hilflosigkeit
alles Ausgeliefertsein
alles Kämpfen

Keine Scham
Kein Weglaufen
Kein Schutz
mehr nötig.

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Vertrauen

Vertrauen

  • ist wie eine unvoreingenommene Umarmung
  • ist wie ein Samenkorn, das gepflanzt wird, ohne zu wissen, was es werden wird
  • ist wie der nächste Schritt, ohne die Richtung oder das Ziel zu kennen
  • heißt mich am offenen Fenster weit hinauszulehnen
  • heißt mich mit offenen Armen zu überlassen
  • heißt die Trittsteine im Wasser nicht zu sehen und trotzdem zu gehen
  • heißt, einen dunklen Weg zu gehen ohne Angst
  • heißt loszulassen, was mich festhält
  • heißt mutig ins Ungewisse zu springen

Vertrauen
ist gefährdet
wird missbraucht
ist brüchig
ist dünn
ist riskant „Vertrauen“ weiterlesen

Alltagsbeobachterin

Ich bin formschön gestaltet. Aus Metall. Bronzefarben erstrahle ich, wenn das Licht auf mich fällt. Meine Oberfläche ist glatt und kühl. Rund bin ich zu einer Schale geformt. Meistens bin ich still, warte ab. Ich kann ganz geduldig sein. Ich nehme einfach wahr. Ich nehme auf, was um mich herum passiert. Es ist, als ob ich aus einem großen Ohr bestünde. Und dann, wenn jemand mich berührt, kurz und schwungvoll, entfalte ich meinen Klang! Aus der Tiefe meines Körpers kommt der Ton, facettenreich, angereichert mit hohen und tiefen Anteilen. Sehr rein, klar. Erst laut, der Ton klingt lange nach und schwingt und summt und verhallt. Ich vibriere, mein ganzer Körper erzittert wohlig. Wenn Klang und Bewegung verebbt sind, bin ich wieder still, aufmerksam, gelassen, ruhe auf meinem Kissen. Halte inne und horche hin, was um mich herum geschieht.

Still
verharre ich
Warte auf den
Moment des schwungvollen Anschlags
Erregt

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