Das Pilzgewebe – die sichtbaren Pilze über der Erde, das weit vernetzte Gewebe unter der Erde. Manches sieht man nur, wenn man sich rauszoomt und von weit oben schaut: Ah, hier sind auch noch verstreute Pilze, die zum gleichen Geflecht gehören. Wenn Du unter der Erde bist, gehst Du vielleicht manchmal in dem ganzen Wirrwarr des Geflechts unter, verlierst den Faden, weißt vielleicht noch nicht mal mehr, wo Du auftauchen kannst. Gehören die da hinten etwa auch noch dazu? Wo endet das eigentlich? Wohin soll ich mich als nächstes bewegen? Muss ich wie dieser Pilz werden oder wie jener?
Ein Blick von oben zeigt: All diese sichtbaren Pilze sind nur punktuelle Ausdrucksformen von dem großen Geflecht darunter. Manche haben vielleicht die Aufgabe, sich im Geflecht unter der Erde zu bewegen. Vielleicht lange Zeit, bis sie eines Tages als Pilz an die Oberfläche kommen. Manche haben vielleicht die Aufgabe, mit den anderen Pflanzen Kontakt aufzunehmen, sie z.B. zu warnen vor etwas, was weit entfernt einem Pilz aus einer ganz anderen Region bereits gemeldet wurde.
Es wird darüber gestritten, ob Pilze Pflanzen oder Lebewesen sind. Das gefällt mir, diese Uneindeutigkeit, das schwer zu Erforschende, das noch offene, die Wirklichkeit, die sich nicht in eindeutige Begriffe und Kategorien fassen lässt. Vielleicht ist der Pilz beides. Und der Pilz ist auch nicht der Pilz: Das, was man nach außen sieht, ist eigentlich gar nicht das, was die Pflanz (oder das Geschöpf!) ausmacht. Nun ich bin keine Biologin, keine Pilzforscherin, so dass das Bild irgendwann auch an eine Grenze kommt.
Die Wirklichkeit ist mehr als das, was nach Außen sichtbar erscheint. Die reine Beschreibung erfasst nicht alle Aspekte, die diese Wirklichkeit ausmachen. Es gibt Verborgenes, unerforschtes Gebiet, es entzieht sich der Erfassbarkeit mit dem rationalen Begrifflichkeiten.
Und doch braucht es auch diese empirische Grundlage der Beschreibung, um einen Maßstab zu haben, und nicht dem Irrtum zu verfallen, dass jeder und jede nach ihrer Erfahrung die Wirklichkeit für alle deuten kann. Wissenschaft macht auch demütig, der Ausschnitt ist klein, die Werkzeuge begrenzt und die Erkenntnis oft überraschend plausibel und mit dem puren Menschenverstand nachvollziehbar. Hier braucht es so etwas wie die erhellende Kritik, wenn es blinde Flecken gibt oder es bereits neuere Erkenntnisse aus anderen Bereichen gibt. Aber machen wir uns nichts vor: Keine Wissenschaft kann die Wirklichkeit voll erfassen. Sie bleibt standort-, subjekt- und kontextgebunden. Daher braucht es unbedingt eine Forschungsgemeinschaft. Ich wünsche mir eine, die den Willen hat, sich zum Wohl der Menschen, der Mitwelt und der gesamten Erde einzusetzen. Vielleicht sogar in umgekehrter Reihenfolge. Am besten alles gleichzeitig, ohne Rangfolge!
Ich will aufhören, nur für mich zu träumen und zu sehnen. Ich möchte mich einsetzen und das Pilzgeflecht von oben unter der Erde beschreiben. Es sichtbar machen. Meine Verflechtungen, die Netzwerke, die Zugehörigkeiten und Verzweigungen. Und sehen, welch einzigartiger Pilz ich in diesem ganzen Gewebe ich bin.