Erkannt

Die schützende Oberfläche bricht auf
Durch die verhärtete Struktur geht ein Riss
Schmerzvoll bricht es auf
Licht strömt herein
Ungewohnte Helligkeit
Es wird langsam hell.

Da zieht sich etwas in mir zurück
Will nicht gesehen werden
Sucht den hintersten Winkel auf
Will im Verborgenen bleiben.
Unter der Oberfläche liegen
die Gefühle von Ohnmacht
Hilflosigkeit und Scham.
Ich fühle mich klein, verloren, allein.

Und darunter ist diese Traurigkeit
Die unendliche Traurigkeit.
Ich falle tiefer und tiefer
Nichts als Tränen.

Und durch den Nebel der Traurigkeit
wische ich am Ende den Blick frei.
Unten angekommen.

Erkannt werden.

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Homeoffice

Seit Dienstag sind wir alle zu Hause: Homeoffice. Nicht mehr nach CoWorking-Spaces suchen, sondern die Mit-Arbeiter gleich auf dem heimischen Sofa finden.Und nach 3 Tagen hat sich auch die Katze daran gewöhnt, dass wir alle tagsüber zu Hause sind, und wieder ihren gewohnten Platz eingenommen.

Katze auf der Fensterbank by CHenkel
Katze auf der Fensterbank by CHenkel

Wir sind in einer privilegierten Situation: Wir können von zu Hause arbeiten. Wir haben dafür (fast) alles, was wir brauchen. Und dennoch schaffe ich weniger denn je, bin unkonzentriert, abgelenkt. Mein Energietank, der sonst durch Bewegung, Kontakt mit Menschen und Kreativität genährt wird, läuft langsam leer. Dabei warten hier mindestens 3 Schreibblockaden, äh nein: Blogparaden (z.B. Schipseljagd, Lernwelten 2030 oder eindeutig-uneindeutig) und zwei Schreibexperimente auf Texte von mir, ein Artikel ist angemeldet und natürlich will die Lehre weiter vorbereitet werden, jetzt zusätzlich als digitale Version. Stattdessen vergehen die Tage  – ja, womit eigentlich? Ich beobachte einen Rückzug zu den Basics: Ist genug zu Essen im Haus? Was koche ich heute? Die immer leerer werdenden Regale im Supermarkt gehen nicht spurlos an mir vorüber. Meine Gedanken fahren Achterbahn. Wie wird es mir ergehen, wenn die Versorgungslage sich zuspitzt? Was werde ich tun, wenn meine Familie betroffen sein wird, wenn ich selbst krank werde? Wenn wir gar nicht mehr raus dürfen? Alles ist so irreal!

Ich bin froh über die Struktur, die mir angeboten wird. Z.B. durch unseren Pastor, der Morgen- und Abendandachten per Videokonferenz anbietet: Ein kurzer Austausch, ein Impluls zur Tageslosung und dann eine angeleitete Meditation. So habe ich einen guten Start in den Tag, weil ich schon Menschen gesehen und gesprochen habe und mich auf Gott ausgerichtet habe. Mir gehen so viele Gedanken durch den Kopf, aber bisher schreibe ich kein einziges Wort. Außer in Mails und Nachrichten an meine Familie, meine Freund:innen, meine Kollegen. Stattdessen male ich. Zentangles. Eine Idee, die ich schon länger verfolgt, aber noch nicht verwirklicht hatte. Aber dann habe ich Anfang März Heike getroffen, die mir daraufhin ein Starterpaket zugeschickt hat, mit dem ich dann gleich losgelegt habe. Das Ergebnis seht Ihr im Titelbild. Zentangeln ist meditatives Malen, es beruhigt mich und es macht Spaß und das Ergebnis ist schön! So gewinne ich ein wenig Ruhe, ein wenig Kreativität und damit Energie zurück.

Mit diesem Post trete ich wieder ein wenig in die Welt. Wie schön, dass Schreiben jetzt mehr denn je gefragt ist. Ich wünsche mir mehr denn je, dass mein Schreiben keine Einbahnstraße bleibt, sondern auf Resonanz stößt, die sich wiederum in Reaktionen ausdrückt. Daher zum Schluss eine Liste zum Fortschreiben oder neu ansetzen:

Was mir Energie gibt:

  • der Blick auf die sprießenden Knopsen des Pflaumenbaums
  • der frische Obstsalat
  • die Nachricht einer Freundin: Wie war Dein Tag?
  • die Begegnungen Online
  • das Gespräch am Telefon
  • das Kochen eines leckeren Essens
  • der ermutigende Newsletter
  • das Foto, das mich zum Lachen bringt
  • die Meditation am Morgen

Was gibt Dir in diesen Tagen Energie?

 

Der geschenkte Tag

Wenn ich einen Tag geschenkt bekäme,
würde ich aufräumen mit meinem Leben.

Wenn ich mit meinem Leben aufräumen würde,
würde ich all das rausschmeißen, was nicht zu mir gehört.

Wenn ich all das rausgeschmissen hätte, was nicht zu mir gehört,
wäre ich frei.

Wenn ich frei wäre,
könnte ich einfach ich selbst sein.

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Neuanfang

Der Jahreswechsel ist ein Drehpunkt: Ich stehe bereits im Neuen Jahr und wende meinen Blick noch einmal zurück. Was sehe ich? Welche Gefühle und Erinnerungen kommen wieder? Was davon möchte ich festhalten, bewahren, würdigen? Wenn ich auf mein Jahr schaue, entdecke ich das:

anregend

Da ich sehr gerne lerne und mir neue Kontexte und Themen erschließe, hatte ich viele anregende Begegnungen und Veranstaltungen. Mein Studium „Biografisches und Kreatives Schreiben“ habe ich mit einer munteren Studiengruppe verbracht, mit der ich mich gleich Anfang des Jahres getroffen habe, um ein selbst organisiertes Kolloquium zur Masterarbeit in Iserlohn zu verbringen. Schließlich haben wir die Treffen noch im digitalen Raum fortgesetzt.

Anregend waren für mich auch die Netzwerktreffen in meinen verschiedenen Gruppen zu Focusing und Spiritualität – einzeln und in Verbindung. Focusing und Träume haben mir anregende Begegnungen in Fürth beschert in der Weiterbildung mit Ulrike Böhm. „Thinking at the Edge“ – Focusing und Philosophie bzw. Theorieentwicklung – habe ich in Würzburg und auf dem Achberg vertieft – und im Selbststudium.

Besonders inspierend waren auch die SIG-Treffen der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung, die ich besucht habe: Ausbildung von Peer-Schreibtutor*innen, SIG Vielfalt der freiberuflichen Schreibleute.

Sehr angeregt bin ich vom Kirchentag in Dortmund wieder nach Hause gefahren.

beschenkt

Als Geschenk habe ich insbesondere die Zusammenarbeit mit Kolleginnen im letzten Jahr erlebt: in biografischen und kreativen Schreibwerkstätten, beim Schreibretreat im Kloster Maria Laach, bei der Weiterbildung für die Ausbilder*innen von Peer-Schreibtutor*innen, in der HaMakom-Initative. Beschenkt fühle ich mich durch mein Frauenteam, mit dem ich mich regelmäßig zum kollegialen Austausch treffe. Außerdem habe ich im letzten Jahr wunderbare Schreibberatung durch die Masterarbeit erhalten und ein kollegiales Lektorat. Ebenfalls eine treue und regelmäßige Begleiterin ist meine Focusing-Partnerin. Ich bin auch beschenkt durch ein wundervolles Team in der Leitung meiner Kirchengemeinde. Reich beschenkt fühle ich mich durch meinen Hauskreis.

Seifenblasen in Dresden, C.Henkel
Seifenblasen in Dresden, C.Henkel

unbeschwert

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Teebeutelweisheiten

Nichts ist wie Du,
nichts war wie Du,
nichts wird je wie Du sein.

Während einer meiner Workshops der letzten Wochen mache ich mir eine Tasse Tee und finde diese Teebeutelweisheit. Sie spricht mitten hinein in mein Leben, über das ich gerade wieder viel nachdenke: Wohin geht die Reise? Was lasse ich hinter mir? Wie wird das Neue sein? Was nehme ich mit?

Und dann die überraschende Antwort: ich selbst. Nichts ist wie ich. Ich nehme mich mit. Mit allem, was zu mir gehört. Während ich immer wieder darüber nachdenke, wo mein Platz ist, entdecke ich ebenfalls überraschend: Hier. Mein Blog ist einer meiner Plätze, an denen ich ich sein kann. Natürlich nie mit allem, was mich ausmacht, das ließe sich auch nicht auf einer digitalen Schreibplattform ausdrücken! Dieses Schreiben bringt mich in Kontakt mit mir, ich gehe der Spur nach zu meinem Inneren, zum Lebendigen.

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Häutung

Es kribbelt am ganzen Körper
wenn die alte Haut sich löst.
Ablösungsprozesse.
Es splittert und knackt.
Zustand des Übergangs, der Schwebe
des nicht mehr und noch nicht

Beobachten, wie das Alte aufbricht
nicht mehr hält und trägt
und darunter
kommt die neue Haut hervor.
Noch ganz zart und dünn
geschmeidig und beweglich
noch nicht der Witterung ausgesetzt
absolut schutzlos
ganz sensibel und feinfühlig.
Spürt jede Bewegung
jeden Lufthauch.
Ihr fehlt noch die kräftige Farbe
sie ist noch durchscheinend, blass.
Lichtempfindlich.
Schutzbedürftig.

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Genug.

Nun habe ich mein Studium in Biografischem und Kreativem Schreiben (fast) abgeschlossen. Etwas wehmütig lese ich mir einige der entstandenen Texte durch und staune mal wieder über die Fülle und Tiefe, die ich dabei entdecke. Diesen Text aus dem 1. Semester möchte ich teilen, weil er heute neu gilt.

Genug ist genug.
Ich tu mir das nicht an.
Ich tu mir das nicht an,
genug ist genug.

Allein der Name ist
wie eine Lebensbotschaft für mich.
Diese Luft, diese Weite.
Botschaft fürs Leben.
Lebensbotschaft.

Ich bete, solange bis ich mich wieder
in dieser Welt aufgehoben fühle.
Ich streife das Gefühl von Verlassensein ab,
wie den Regenfilm nach einem intensiven Schauer.
Die Sonne in meinem Haar.
Diese Luft, diese Weite.

Nach einer langen Irrfahrt
komme ich endlich an.
Zuhause in mir.
In mir diese Luft, diese Weite.
Meine Lebensbotschaft.
Zuhause.

Genug.

 

 

Foto: Dirk Henkel

EigenARTig

Eigenartig
das Verstehen geschieht
wie ein Verdauen
einer fremden Erfahrung
die zur eigenen wird.

Etwas Neues geschieht
von atemberaubender Schönheit
betritt es die Bühne
Die versehrte Blüte
zeigt sich
in atemberaubender Schönheit
entsteht das Neue.

Nur durch das Verdauen
wird die unüberbrückbare Kluft
zum eigenen Denken überwunden.

Vorsichtig
Achtsam
bin ich Teil des intimen Prozesses
der uns geschieht.

Ich bin ich und
ich bin ganz verbunden.
Ich bin alles
Ich bin viel und leicht
Ich bin das Neue
und das Vertraute
Ich bin der Prozess
und das Unerwartete

 

* Inspiriert durch die TAE-Gruppe, September 2019, Würzburg

Photo by Seb Mooze on Unsplash