Chronik einer Kontakt-Isolation/Improvisation

Woche 1

1. Tag
Alle Termine werden abgesagt. Kein Sportkurs, kein Qigong, keine Gottesdienste mehr. Ich schmiede Pläne, was ich alles in der Zeit zu Hause machen könnte, schreiben z.B. Was will ich „draußen“ noch erledigen, bevor die Ausgangssperre kommt? Sie schwebt schon über uns. Ich fahre noch einmal zur Uni-Biliothek und fülle den Vorrat an Fachliteratur auf. Ich gehe einkaufen und ertappe mich dabei, mehr zu kaufen, als wir unmittelbar benötigen. Aha. Soso. Kein Klopapier da.
Gestern war ich noch in Würzburg beim Focusing. Heute hänge ich vor den Nachrichtensendungen, um zu realisieren, was da passiert.
Ich notiere für die Blog-Überschriftensammlung: Herzensweite und Mitmensch.

2. Tag
Frühlingswetter. Der Tag verliert an Struktur. Unerwartet kommt das CoWorking zu mir nach Hause. Kein Rückzugsort mehr zum Meditieren. Ich mache Pläne. Und halte sie nicht ein. Werden wir digital lehren müssen? Was heißt das? Erste Recherche. Ich nehme Kontakt mit den Kollegen auf. Womit vergeht der Tag?

3. Tag
Markteinkauf. Die Leute sitzen im Sonnenschein auf Bierbänken. Bitte? Mir wird es mulmig. Dichtes Gedränge wie immer. Immer noch kein Klopapier.
Wir üben uns im Homeoffice. Ich bin schon Zoom-Fachfrau und zeige es meiner Familie. Ich besorge Second Hand ein drittes Laptopkissen, so können wir alle auf dem Sofa arbeiten. Ach was, an arbeiten ist nicht zu denken. Wo sind meine Gedanken?
Ich braue uns einen Vitaminshot aus Ingwer, Kurkuma, Sanddorn- und Zitronensaft  (danke an Andrea). Viren, Ihr kommt nicht gegen unsere Abwehr an!

4. Tag
Wir treffen uns zu digitalen Morgen-Meditationen in der virtuellen Hoffnungskirche. Das ist ein guter Start in meinen Tag. Die Aktivitäten verlagere ich aufs Aufräumen, Werkeln, Kochen. Telefonieren.

5. Tag
Ich bekomme innerhalb von 2 Tagen fünf Newsletter zur aktuellen Lage. Panik! Sollte ich jetzt auch einen Newsletter schreiben? Ja, es wäre doch toll, jetzt Schreibideen in die Welt zu schicken, Blogparaden zu veranstalten, die virtuelle Welt schreibend zu besetzen. Stattdessen: Rückzug. Ich mache To-Do-Listen ohne etwas zu tun. Telefoniere.
Kaum Struktur. Kraftlos. Nur das Kochen wird regelmäßiger. Grundbedürfnisse versorgen. Die Regale im Supermarkt werden immer leerer. Wird es Engpässe geben?
Ich bin dankbar: Für die Grundversorung in unserem Land: Wasser, Heizung, Müllabfuhr, Lebensmittel. Und besondern das Gesundheitswesen.
Homeoffice – Titel eines Blogpost.

6. Tag
Ab heute keine Pläne mehr. Könnte auch im Bett liegen bleiben. Mein Mann und das schöne Wetter locken mich raus. Draußen fühlt sich alles so unwirklich normal an. Es täuscht. Ich beginne neue Routinen zu entwickeln. Jetzt ist doch eine gute Zeit, mal etwas Ungewöhnliches auszuprobieren. Haare mit Haarseife waschen z.B.
Ungewöhnliche neue Routinen: Nachrichten gucken. Jeden Tag Kochen. Zentangles malen.

7. Tag
Predigt gibt es Online. Genauso wie Predigtnachgespräch. Überhaupt findet jetzt alles Online statt: Kolleginnengespräche, Treffen mit meinen Studienkolleg:innen. Ich gebe ein kleines Klavierkonzert mit offenem Fenster – auf die Straße und in die virtuelle Welt.

Woche 2

8. Tag
Keine Pläne mehr. Außer die alltägliche Versorgung. Heute ergattere ich Klopapier! Irgendwie erleichtert. Das Homeoffice braucht mehr Struktur. Wir suchen einen gemeinsamen Rhythmus für die Mahlzeiten.
Ich beschäftige mich intensiver mit digitaler Lehre. Am besten ich probiere es gleich selbst aus. Dabei kommt ein „Screencast“ für meine Kollegen heraus zu didaktischen Fragen digitaler Lehre.

9. Tag
Heute verbringe ich den größten Teil des Tages in Zoom-Treffen. Von der Morgen- bis zur Abendandacht und dazwischen noch 3 weitere Treffen.
Der Tag bekommt mehr Struktur: Frühstück, Qigong, Morgenandacht. Nachmittags fahre ich sogar Fahrrad.
Blogparadenidee: Eine Zukunftsvision à la Horx schreiben. Mutopia: Blick zurück.

10. Tag
Ich versuche heute ein Tagesprotokoll anzufertigen. Es lässt sich nicht rekonstruieren, womit der Tag vergeht. Einkauf. Telefonieren. Mails. Aufräumen. Rechnerprobleme beheben. Klavier spielen. Die Zeit verrinnt im Nichts.

11. Tag
Fühle mich wieder arbeitsfähig. Was mir dazu hilft: Kontakt, Kommunikation, Bewegung! Die Meldungen ändern sich nicht mehr täglich. Routinen stellen sich ein.
Ich kann besser einordnen, was passiert: Die Unruhe, die Ungewissheit wirken in meinem Körper. Es geht laufend Energie verloren wie beim Trauern.

12. Tag
Das war ein guter Tag mit Kontakt, neuen Ideen, Kreativität. Ich bete ein Körpergebet und stelle es anderen zur Verfügung. Teilen macht mich reicher.

13. Tag
Ich komme mit den Wochen und Wochentagen durcheinander. Ach, Montag beginnt noch nicht die Kar-Woche? Ich bin müde.

14. Tag
Zuhausegottesdienst mit Liturgie und Online-Predigt. Immerhin singen wir zu zweit am Klavier.
Nachmittags treffen wir uns als Familie! Wir sehen uns alte Familien-Dias an und mein Vater erzählt Geschichten aus unserer Kindheit. Tröstlich und belebend. Wenn auch nur digital.

Woche 3

15. Tag
Diese Woche gestalte ich die Morgenmeditation: Der Raum in mir. Es gibt mir eine Struktur und Kraft, etwas zu teilen.
Sommerzeit ist wie immer nichts für mich.
Es wird kritisch. Ich sehne mich nach Kontakt! Ich brauche menschliche Begegnung und zwar live mit Fleisch und Blut, Körper in einem Raum. Gespräche im Café, Treffen mit meiner Focusing-Partnerin, mein Hauskreis live auf unserem Sofa, Menschen neben mir im Gottesdienst. Ich möchte wieder mit anderen tanzen, gemeinsam singen, Bewegung und Gewusel, Berührung und Umarmungen.
Gestern packte mich die Angst, sie hielt mich fest und wach. Was ist, wenn Corona Indien erreicht? Oder Syrien? Die Flüchtlingslager auf Lesbos oder in der Türkei? Wenn es nach Afrika rüberschwappt? Und das wird passieren. Das wird alles passieren. Das wird ein Massensterben von nie dagewesenem Ausmaß. Die Menschheit wird dezimiert werden. Die Schere zwischen arm und reich wird so massiv auseinandergehen. Die Länder werden es nicht schaffen, leiden an mangelnder Hygiene und ohne stabiles Gesundheitssystem. Wie wird Familie Mensch dann zusammenhalten? Wie können die reichen Länder, die die Krise hinter sich haben, alle Mittel dafür aktivieren, die Welt zu retten, Aufbau in betroffenen Staaten leisten, Rettungsschirme für die Ärmsten aufspannen? Mal alle Wirtschaftskraft statt in die Börse in die Ernährung und Versorgung von Menschen investieren? Wird es nach unser überstandenen Krise egal sein, wie es der Welt geht? Werden wir weggucken und sagen, die müssen allein klarkommen? Wer entscheidet über Leben und Tod?

16. Tag
In diesen Tagen werden die „Helden des Alltags“ gewürdigt: der Informatiker, der sich spontan als Erntehelfer einsetzt. Die Lehrerin, die ihre Schüler:innen online mit Aufgaben versorgt und sich sorgt um die, die zu Hause nicht unterstützt werden. Die Pfarrerin, die Online-Gottesdienste aufnimmt und zum Telefonhörer greift.
Was ist mit den unsichtbaren Held:innen, die gerade alle Kraft für sich selbst brauchen, die versuchen sich zu stabilisieren, die nicht verdrängen, wie es ihnen geht, nicht darüber weggehen, sondern sich den Gefühlen in sich stellen und im besten Fall dann gut mit sich sind. Auch wenn das heißt: Zuhause und allein bleiben. Wer sieht jetzt all die Kinder, denen es zu Hause nicht gut geht, die geschlagen und misshandelt werden? Wer sieht die psychisch Belasteten, die kein Therapiegespräch wahrnehmen können, die tiefer und tiefer in ihren Abgrund sehen?
Wer brauche heute meine Aufmerksamkeit?

17. TagZentangle by CHenkel
Morgendmeditation. Arbeit, Unruhe. Klavierspielen. Malen.

18. Tag
Morgendmeditation.
Erste lange Teamsitzung online.

19. Tag
Ich lerne viel in dieser Zeit. Manches unfreiwillig und notgedrungen. Anderes bewusst und zielgerichtet. Online lehren – dabei geht für mich vieles verloren von meinen Stärken, von meiner didaktischen Expertise und Kompetenz. Ich will nicht gegen diesen Widerwillen ankämpfen. Ihn nutzen scheint aber auch (noch?) nicht möglich. Mein Ehrgeiz ist geweckt, so viel wie möglich „rüberzuretten“. Das kostet Zeit und Engerie.
Kontakt muss bewusst hergestellt werden. Telefon, Briefe, E-Mails, Video-Konferenzen. Wen möchte ich treffen? Wen sprechen? Wem schreibe ich? Wer schreibt mir?

20. Tag
Ein Samstag, der vergeht. Wie werde ich die Unruhe los? Gartenarbeit. Klavierspielen. Kochen.

21. Tag
Hausgottesdienst mit Singen, Liturgie und Online-Predigt. In mir wehrt sich etwas, das normal zu finden. Nachmittags Ostervorbereitungen. Wenigstens dafür bin ich in der Kirche.

Woche 4

22. Tag
Morgenandacht. Arbeiten. Eine lange Radtour, um Osterbriefe zu verteilen. Gespräche aus Entfernung. Wieder das Gefühl, gegen etwas anzuarbeiten.

23. Tag
Ich laufe leer wie eine kaputte Batterie. Sie hat ein Leck. Heute blinkt die Warnstufe: Dringend wieder aufladen, nur noch 15%. Für Menschen wie mich, die Menschen um sich brauchen, die von Kontakt und Begegnungen zehren, um sich lebendig zu fühlen, wird diese Zeit zermürbend. Die digitale Kommunikation nervt mich zunehmend. Ich mag nicht mehr in den Bildschirm sprechen. Und irgendwann läuft das Fass leer statt über. Meine Energiequellen stehen aber gerade nicht zur Verfügung: Tanzen (mit meiner Tanzgruppe), Improtheater (mit meiner Gruppe), mein Hauskreis (live in unserem Wohnzimmer), Bewegung (mein Sportkurs), Focusing (live mit meiner Focusing-Partnerin), Singen (im Gottesdienst in meiner Gemeinde). Schmerzliche Entbehrungen. Da hilft kein Reden von den „Chancen der aktuellen Herausforderung“.

24. Tag
Ich streike. Kein Einkauf im Supermarkt mehr. Die Last muss jetzt auf mehrere Schultern verteilt werden. Abends Qigong. (Leider auch nur) Online.
Die 100.000 Infizierten sind überschritten.
Ich warte auf die Tagesthemen, um Ingo Zamperoni sagen zu hören: Bleiben Sie zuversichtlich. Das ist wie ein Segen zur Nacht.

25. Tag
Einkäufe auf dem Markt für die Ostertage. Gefüllter Kühlschrank.
Ich sehe meine Studierenden – wenn auch nur am Bildschirm.
Draußen lärmt es, irgendwelche Bauarbeiten. Ich bin geräuschempfindlich, will einfach meine Ruhe haben. Vorfreude auf 3 freie Tage.
Abends treffe ich die Vertrauten aus dem Hauskreis. Das ist jetzt sogar schon tröstlich – trotz digitaler Kommunikation.

26. Tag
Karfreitagsliturgie. Ehrlicher denn je. Erschütternd. Ungerechtigkeit und Todesqual. Verlassensein. Gottverlassensein. „Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha. Der in bittren Todesschmerzen das Geheimnis Gottes sah.“
Ich ziehe mich mit dem Passionsprogramm  „Leidenschaft leben“ von 2Flügel zurück und tauche ein in diesen dunklen Tag der Kreuzigung. Abends dann 2Flügel „live“ auf Youtube. Meine Rettung in der Verzweiflung der letzten Tage. Ich kann mitsprechen, so oft höre ich es.
„O Haupt voll Blut und Wunden“ – Bens Version. Meine Passionsmusik.

27. Tag
Ein entspannter Samstag. Aufatmen. Sonnenschein und große Runde im Wald. Kochen. Und abends gemeinsam „Der König von Narnia“.

28. Tag
Ostern. Auferstehungskraft. Die Liebe ist stärker als der Tod.
Der Frühling ist dieses Jahr langsamer als sonst. Oder nehme ich ihn nur bewusster wahr? Die Blüte der Forsythie, gefolgt vom Pflaumenbaum in Blütenpracht. Sogar der Flieder kommt in Knospe. Auf den Spaziergängen sauge ich das frische Grün auf, die zarten Blätter, die Blüten, den knallblauen Himmel. Pralle Lebenskraft!

 

Woche 5

Die 5. Woche beginnt. Ostermontag. Ich lasse die letzen Wochen Revue passieren, durchlebe das Gefühl von Irritation, Ohnmacht, neuem Mut, Solidarität, Aufbruch, Zusammenbruch und Haltlosigkeit noch einmal. Viele Gedanken sind schon wieder verloren gegangen. Wortneukreationen wie „Shutdown“ oder „wieder hochfahren“ oder „Alltagsmaske“ beherrschen die Medien und lassen Filme vor meinem inneren Auge ablaufen. Nicht alles kann ich schon formulieren, manches bleibt mir im Hals stecken. Angst und Enge haben die gleiche Wurzel.

Ich halte mich fest an der Botschaft von Ostern: Die Liebe ist stärker als der Tod. Isolation und Destruktion haben nicht das letzte Wort. Ich rufe es mir zu. Und Euch.

 

 

Ein Kommentar zu „Chronik einer Kontakt-Isolation/Improvisation

  1. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Liebe Christiane,
    du hast eine Wochen-Chronik geschrieben und ein sehr subjektives Tagebuch für diese Zeit geschrieben. Ich habe in dieser Zeit noch nie so viele unterschiedliche Tagebücher in allen nur erdenklichen Variationen entdeckt (Audio, Video, Schrift, gezeichnet), die ein unglaubliches Panorama aufmachen, das in ein paar Jahren vielleicht einmal ein notwendiges Zeitdokument darstellen wird …
    Ich habe für mich eine etwas andere Darstellungsweise und meine Figur Henni gewählt, die diese Zeit erlebt.
    Danke dir für diese sehr persönlichen Einblicke …
    Liebe Grüße,
    Mia.

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